GOOGLE & mehr - Online-Recherche

GOOGLE & mehr - Online-RecherchezoomWie Sie exakte Treffer auf Ihre Suchanfragen erhalten lautet der Untertitel dieses Rat-Gebers, und was der Autor Hektor Haarkötter verspricht, hält er. Zunächst freilich elaboriert er, wie GOOGLE auf Sucheingaben reagiert: Er deckt sozusagen die kapriziösen Charaktereigenschaften der Suchmaschine auf, womit schon erklärt ist, warum erst die Finessen bei der Abfrage zu besseren Ergebnissen führen, oder, wie es in einer Kapitelüberschrift auf den Punkt gebracht wird: Suchen kann jeder, finden nicht. Die Reise in die Praxis beginnt bei der Aufzählung von Möglichkeiten bei der erweiterten Suche („Einstellungen“ – „Erweiterte Suche“). Dazu bedürfte es zwar nicht unbedingt fremder Hilfe, aber nur selten begibt sich der Durchschnitts-User in diese Gefilde, und bereits hier stößt man bei der Lektüre auf praktische Beispiele zur Nutzanwendung, auf die man von selbst nicht ohne weiteres gekommen wäre.Und immer breiter und tiefer geht es weiter: mit GOOGLE-Spezialprogrammen aber auch alternativen Suchmaschinen und Datenbanken, denn oft wird man erst dort fündig, wo GOOGLE nicht weiterweiß.. Die Angaben sind übersichtlich aufbereitet, das Grundsätzliche im Lauftext, das Konkrete in zum Pröbeln einladenden Tabellen. Haarkötter spart auch nicht mit der Einladung zu gesunder Distanz ( „Der Nutzer ist nicht der Kunde von GOOGLE, sondern das Produkt, das verkauft wird“) und er weist in den Schlusskapiteln kritisch sowohl auf die Möglichkeiten wie auf die Fallstricke des Datenjournalismus hin. - Als zentrale Zielgruppe werden Journalisten angesprochen, aber wenn es ums Recherchieren geht, sind z.B. Übersetzende, Studierende und Archivare durchaus im gleichen Metier beheimatet.
Hektor Haarkötter - GOOGLE & mehr: Online-Recherche. Wie Sie exakte Treffer auf Ihre Suchanfragen erhalten. Br., 144 S mit zahl. Tab. und Abb. – 2016: Konstanz und München, UVK Verlagsgesellschaft mbH. Schriftenreihe: Praktischer Journalismus, Band 103. ISSN: 1617-3570, ISBN 978-3-86764-684-0. Auch als EPUB und EPDF erhältlich. Link zum Buch: linkext. Link - €14,99 (D)



Die DDR und die Westmedien

Franziska Kuschel

Die DDR und die WestmedienzoomGleich vorneweg: Das ist keine leichte Lektüre. Franziska Kuschel hat dieses Werk 2014 als Dissertation eingereicht, und es wurde für die Buchausgabe offenbar 1:1 übernommen. Wer mit akademischen Schriften zu tun hat, weiß, dass hier wissenschaftlich erhärtete Fakten (und Fußnoten) Vorrang haben vor literarischen Ambitionen. Allerdings ist dieses Stück Medienwirklichkeit extrem interessant – für Zeitgenossen hüben wie drüben und ebenso für Nachgeborene - und wurde bisher in dieser Konstellation noch nie untersucht. Da waren zwei Staaten, von denen einer seine Mediennutzer vom Konsum des gegnerischen Angebots abhalten wollte, nicht zuletzt, indem man zugleich per Abgrenzung vom kapitalistischen Klassenfeind die Vorzüge des eigenen gesellschaftlichen Systems pries. Der andere Staat präsentierte sich im Selbstbewusstsein seiner Attraktivität als Garant der „freien Meinungsäußerung“ ohne staatliche Kontrolle – auch dies, de facto, ein propagandistisches Produkt, wenngleich mit subtilerem Auftritt. Im täglichen Gebrauch ihrer Radio- und Fernsehprogramme und Printmedien erfuhren die Konsumenten in der DDR nun sowohl ihre eigene Wirklichkeit wie die von ihnen imaginierte Realsituation im Westen. Und dies gilt auch vice versa. Franziska Kuschel beschreibt ausführlich das komplexe Medienangebot in der DDR und jenes der „Feindsender“ in der BRD und untersucht, welchen Einfluss und welche Wirkung dieser langfristige Prozess auf den gesellschaftlichen Wandel gehabt haben mochte.
Franziska Kuschel – Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien
Band 6 von: Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert
2016: Wallstein Verlag, Göttingen. 336 S, 34,90€ (D), 35,90€ (A)
ISBN 978-3-8353-1789-5 – Auch als e-book erhältlich



Von Männern und Mächten - und von "Radio Satan"

Plli Jalonen

Von Männern und Mächten - und von 'Radio Satan'zoomSommer 1972 in Finnland. Staatspräsident Kekkonen, zwar Garant für die Sicherheit und Neutralität des Staates zwischen Ost und West, aber mit eigenwilligem Demokratieverständnis, will mit einem Sondergesetz seine Amtszeit ohne Wahlen durchsetzen. Das interessiert freilich den namenlosen 17jährigen Ich-Erzähler zunächst wenig. Als sein kranker Vater entlassen wird, muss der Junge von einem Tag auf den anderen während der Sommerferien in einer Installationsfirma arbeiten. Vorbei ist die unbeschwerte Zeit, die er bisher unter anderem als Rundfunk-DXer mit seinem „Trio“ verbracht hat. (Das ist wohl der legendäre Allbandempfänger 9R-59DS). Nun ist der unbedarfte Gymnasiast plötzlich mit der fremden und beinharten Arbeitswelt der Erwachsenen konfrontiert, mit seltsamen Kumpeln – und zum ersten Mal auch mit Frauen. In der Hochphase von Free Radio wird aus dem puren Hörabenteuer – und als Schlüsselerlebnis einem Besuch bei Radio Veronica – der Entschluss, sich mit einem eigenen Piratensender in das politische Geschehen einzumischen. Am Ende des Entwicklungsromans steht nicht nur Radio Satan, sondern auch die schwere Entscheidung zwischen schulischer Weiterbildung und dem endgütigen Eintritt ins Berufsleben.
Mit menschlicher Wärme und subtilem Witz erzählt der preisgekrönte Autor Olli Jalonen vom Hineinwachsen in Eigenverantwortlichkeit und eigene Weltsicht.
Funkfreunde dürfen sich freuen über ein Buch, in dem Rundfunk-Fernempfang und die Piratenszene eine bedeutende Nebenrolle spielen. Und in der einfühlsamen Übersetzeng von Stefan Moster stimmen auch die technischen Details.

Olli Jalonen – Von Männern und Mächten
Roman, 544 S, aus dem Finnischen von Stefan Moster
2016: marevelag, Hamburg
ISBN 978-3-86648-241-8 - €24,-- (D),



Dietmar Dath: Waffenwetter

Roman

Dietmar Dath: WaffenwetterzoomHAARP (High Frequency Active Auroral Research Program, auch: High Frequency Active Auroral Research Project) entstammt dem Kalten Krieg und ist ein US-amerikanisches ziviles und militärisches Forschungsprogramm, bei dem hochfrequente elektromagnetische Wellen zur Untersuchung der oberen Atmosphäre (insbesondere Ionosphäre) eingesetzt werden, so etwa sucht man Erkenntnisse zur Beeinflussung des Elektrojets in der Erdatmosphäre, auf den Gebieten der Funkwellenausbreitung, Kommunikation und Navigation. Nun ist HAARP auch zu Romanehren gekommen.
Dietmar Dath Waffenwetter Roman, 208S. 2007, Frankfurt am Main: Suhrkamp -
ISBN-10 3518419161, ISBN-13 9783518419168 - € 17,80 (D) - linkext. Link

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zoomDie Zukunft dieses geschichtsträchtigen Hauses steht, vielen Protesten zum Trotz, definitiv fest: In fünf Jahren wird abgesiedelt in das ORF-Zentrum auf dem Küniglberg. Lediglich das Radiokulturhaus und die historischen Großstudios sollen beim ORF bleiben.
Vor dieser Perspektive ist das vor kurzem bei müry salzmann erschienene Buch mit den wunderbaren Fotografien von Hertha Hurnaus und den Begleittexten von Peter Stuiber und Ute Woltron ein vielleicht letztes Lebenszeugnis des Wiener Funkhauses. Die atemruhigen Frontal- und liebevollen Detailaufnahmen erzählen acht Jahrzehnte Radiogeschichte, heute aktuell, bald nur noch Erinnerung.
Hurnaus/Stuiber/Woltron: Funkhaus Wien. Ein Juwel am Puls der Stadt. 2015, Salzburg-Wien: mürny salzmann. 72 Seiten, zahlr. Abb., 16,5x22 cm, broschiert, ISBN 978-3-99014-127-4, EUR 19,00

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Tom McCarthy: "K"

Roman, aus dem Englischen von Bernhard Robben.

28.01.08

Tom McCarthy: 'K' (Fortsetzung Rezension DLF) "Der Held dieses Romans ist ein Kind der vorvergangenen Jahrhundertwende. 1898 wird er geboren, im Süden Englands, auf einem idyllisch anmutenden Landgut. Seine Eltern sind wohlhabend, sie haben ihr Geld mit der Produktion von Seidenstoffen gemacht. Seine Mutter ist taubstumm, sein Vater, durchaus beseelt vom Reformeifer der Zeit, unterhält eine Schule, in der er ebenfalls taubstummen Kindern das Sprechen beibringt. Man nähert sich auf den ersten Seiten dem Landgut, den dort lebenden Personen, dem Kind mit dem polyglotten Namen Serge Karrefax, das mit einer Glückshaube geboren werden soll, also mit einem behaupteten Überschuss an glücklicher Zukunft. Man nähert sich all dem in einer geruhsamen, idyllischen, erzählerischen Totalen. Ein Einspänner zuckelt heran, er bringt den Hausarzt, es ist September, es gibt eine Obstwiese, Koniferen, eine Gartenmauer. Wären da nicht kleine Irritationen, wie etwa die Tatsache, dass der Einspänner auch große Mengen an Kupferdraht bringt, und dass der Hausherr eben diesen Draht sehnlicher zu erwarten scheint, als seinen ersten Sohn - wären da nicht diese Störfaktoren, so könnte man glauben, einen Roman im Stil des späten 19. Jahrhunderts vor sich zu haben.
"Zink und Selenzellen?" blafft er.
"Sind im Einspänner", erwidert Learmont. "Aber ich bin eigentlich gekommen, um ..."
"Und die Säure? Die Kupferrollen?" unterbricht ihn der Mann. Er ist von stattlicher Figur, hat eine dröhnende Stimme und dürfte um die vierzig, vierundvierzig sein. "Gekommen - um was?"
"Ich bin hier, um ein Kind zur Welt zu bringen."
"Gekommen, um ... ach so, ja! Bringen, natürlich! Ausgezeichnet! (...)
Sie sagten, die Kupferrollen sind in der Auffahrt?"

Man könnte einen Roman vor sich haben, der sich mit Familie beschäftigt, mit Tradition mit Zukunft. Einen Bildungsroman vielleicht, und tatsächlich liegt der Bildungsroman wie ein fotografisches Negativ unter diesem virtuosen Erzählstück namens "K". Mit diesem Roman hat der englische Schriftsteller Tom McCarthy einen Pastiche geschaffen. Einen Abdruck des traditionellen Romans, um in dieser Hohlform all das zu suchen, was der Roman an verneinenden narrativen Strategien bereithält. Der moderne Roman, wohlgemerkt, so wie er seine Form ab circa 1930 gefunden hat. Die ausschlaggebenden Erzählmanöver sind dabei Täuschung und Enttäuschung. Methodisch sucht Tom McCarthy den Anschluss an die Theoreme des Strukturalismus und der Dekonstruktion. Inhaltlich zeigen sowohl der Erzähler als auch die Protagonisten des Romans ein fast obsessives Interesse für alle Formen der Kommunikation, der Transmission, des Verstehens und des Missverstehens. Sowohl Serge als auch sein Vater, Mr. Karrefax, sind passionierte Funkamateure. Sie operieren mit Sendemasten, Morsegeräten, Empfangsstationen, mit all dem, was vor mehr als 100 Jahren Spitzentechnologie war. Dabei besetzt Mr. Karrefax Senior den Part des bildungsbürgerlichen Aufklärers, desjenigen, der Kommunikation mit Verständigung gleichsetzt. Sein Vortrag vor Eltern, die ihm ihre taubstummen Kinder anvertrauen, ist dabei in seiner Überhöhung bereits ironisch gebrochen:
"Ist unser Geist, unser Esprit nicht passend benannt? Suspirio - atmend leben wir, sprechend nehmen wir Teil am Erhabenen.
In unseren Gesprächen, im Zuhören und Antworten, formen wir unsere Bindungen: Freundschaften, Feindschaften, Liebschaften. Durch unsere Teilnahme am Reich der Rede lernen wir Moral und Respekt vor dem Gesetz, lernen, den Schmerz der anderen zu verstehen (...).
Rede ist Maß und Methode unseres Gedeihens. Sie ist Strom und Währung unserer Begegnungen in der Welt und all der funkelnden Wunder ihrer Institutionen, ihres Handels und Wandels."

Demgegenüber interessiert sich sein Sohn Serge, der ebenfalls ein passionierter Tüftler ist, vor allem für die Störgeräusche im Äther, für Frequenzen, Satzfetzen, Idiome. Abends sitzt er in seinem Zimmer und versucht mit einem selbst gebauten Radiogerät, Signale zu empfangen. Ein Marconigramm war ein frühes Telegramm, das per Funk übermittelt wurde. Benannt ist es nach dem Pionier der drahtlosen Telekommunikation, Guglielmo Marconi, der sein erstes Patent in Großbritannien 1897 anmeldete.
"Das statische Rauschen klingt wie Denken. Nicht wie das Denken einer einzigen Person, nicht einmal wie das einer Gruppe, eines Kollektivs. Es klingt größer, weitläufiger - und direkter, als wäre es der Klang des Denkens selbst, sein Summen und Brausen (...)
Die Funker warten, bis die Marconigramms durch sind, und unterhalten sich derweil: Carrigan ist auf die President Lincoln versetzt, Borstable auf die Malwa; die Fußballmannschaft der Company hat 2:0 gegen die Elf vom Evening Standard gewonnen (...) Olympic und Campania spielen eine Partie Schach: K4 nach Q7 ... K4 nach K 5 ... Sie fangen immer mit K4 an."

Die Telekommunikation, der drahtlose Funkverkehr, Radiowellen und Morsezeichen, das Chiffrieren und Dechiffrieren von Nachrichten, verschlüsselte Kodes und Klartext, die potenzielle, echte und gefälschte Spionage spielen eine große Rolle in diesem Roman. Dabei sind all diese Topoi doppelt belegt. Sie existieren einmal in ihrer historischen Funktion, denn natürlich beschäftigten sich alle Nationen am Vorabend des Ersten Weltkriegs fieberhaft mit Strategien und Technologien. In einer zweiten Bedeutungsebene - und über weite Strecken des Romans scheint dies die ausschlaggebende zu sein - sind all diese Aktionen metaphorisch aufgeladen. In dieser Funktion verweisen sie auf das eigene, semantische Gewebe des Textes, auf die Frage, wie und ob dieser Struktur schafft, Sinn generiert oder in seinen eigenen, textimmanenten Verweissystemen verharrt. Den überlangen Schatten, in dem dieser Roman steht, werfen dabei die Denker und Vordenker des französischen Strukturalismus. Neben Jacques Derrida wäre hier vor allem sein Wegbereiter Maurice Blanchot zu nennen, der einmal sinngemäß gesagt hat, man solle in einem Text nicht ein Ereignis beschreiben, sondern die Spur des Ereignisses verfolgen. Entsprechend organisiert der Erzähler dieses Romans die Figuren und die Aktionen nicht nach den Kriterien der Wahrscheinlichkeit, sondern allein nach den Erfordernissen des Textes. Nicht Mimesis, sondern ständiger Verweis auf das bereits Gesagte oder noch zu Sagende, ist das Erzählziel. In diesem Sinne taucht, natürlich unangemeldet, eines Tages auf dem Gut der Eltern ein Mann auf, der eine einflussreiche Position im englischen Verteidigungsministerium bekleidet. Er heißt Samuel Widsun und unterrichtet Serges gelehrige Schwester Sophie, die sich als wahres naturwissenschaftliches Genie erweist, in den verschiedenen Geheimschriften der Zeit.
"Rasch zieht er sich mit ihr auf sein Zimmer zurück, und dort verbringen sie den ganzen Vormittag, brüten über Zeilen in Skytale, im Cäsar-Kode und in Vignère Verschlüsselung. Widsun beugt sich über Sophie, das Kinn knapp über ihrem Haar, und korrigiert hier und da einen Buchstaben. Serge will mitmachen, aber die Ziffernfolgen, das Austauschen und Ersetzen sind für ihn zu wirr, als dass er Schritt halten könnte (...).
"Verschwinde", sagt Sophie. "Mach was anderes."
"Du hast mich nicht rumzukommandieren", faucht Serge.
"Und wenn Papa wüsste, was hier vorgeht, würde ihm das bestimmt nicht gefallen."
Das stimmt. Karrefax hasst Kodes, Chiffren und Verschlüsselung. "Verstößt gegen das Prinzip der Kommunikation", knurrt er Widsun missbilligend bei einem nachmittäglichen Brandy nebst Zigarre zu."

Tom McCarthy geht durchaus mit Sinn für Komik, mit Virtuosität und viel Spieltrieb ans Werk. Den Sinneinheiten "Rundfunk" und "Chiffre" stellt er weitere zur Seite, die alle sowohl wörtlich als auch metaphorisch zu verstehen sind. Da ist der Komplex der Seidenraupe, des Wurms, des Kokons und des Entpuppens. All dies sind ganz sinnliche Eindrücke für den jungen Serge, der in den manufakturgleichen Werkstätten der mütterlichen Seidenweberei umherstromert. Ihr Gut heißt übrigens Versoie, trägt die Seide also schon im Namen. Ein ähnlich lautender Essay von Jacques Derrida klingt hier genau so an wie die seidenen Fallschirme des Ersten Weltkriegs. Der Kokon der Raupe nimmt das Bild der Mumie vorweg, die Serge im letzten Teil des Romans in Ägypten erforschen will.
"Tunnel" und "Gräben" sind eine weitere Sinneinheit dieses Romans, sie tauchen auf als Schützengräben und Erzähllabyrinthe, als Unterwelt und als Unbewusstes. An dritter Stelle sei hier das "Insekt" zu nennen. Sophie studiert Insekten mit Leidenschaft, Serge glaubt des Öfteren, sich in ein solches zu verwandeln, und Franz Kafka lässt auch im englischen Original grüßen, das übrigens "C" heißt und nicht "K". Das titelgebende "C" steht im englischen Text als letzte Chiffre für eine ganze Reihe von Worten, die miteinander kommunizieren und ständig neue Bedeutungsräume aushöhlen. Der Übersetzer Bernhard Robben, dem hier abermals eine schwindelerregende, höchst preisverdächtige Übertragung gelungen ist, nennt einige dieser C-Worte in seinem Nachwort. Caul ist das Glückshäubchen. Communication, Code, Crypt, Catacomb, Cocaine stehen für sich selbst. Auch der Nachname des Helden selbst, Carrefax, beginnt im englischen Original mit einem "C".
Der Roman stellt in vier Teilen, in vier tableauartigen Momentaufnahmen, jeweils eine Station aus Serges Leben vor, seine Kindheit auf Versoie, seine Zeit als Flugpilot im Ersten Weltkrieg, eine Passage als Student in London und ein Aufenthalt im Nildelta, der für ihn tödlich endet. Gemessen an der dicht gewebten Erzähloberfläche dieses Romans ist der Erzählgegenstand geradezu beschaulich. Es geschieht wenig in Serges Leben. Er ist eher ein Antiheld als ein Held. Serge hat ein phlegmatisches Gemüt mit höchst melancholischen Zügen. Eine Grundausstattung, mit der Tom McCarthy wieder einiges an Erzählfeuerwerken veranstaltet. Nach dem frühen Tod seiner Schwester Sophie, die bei ihren naturwissenschaftlichen Studien versehentlich das Zyanid mit Limonade verwechselt hat, sieht der junge Serge einen schwarzen Schleier vor seinen Augen. Seine Eltern senden ihn zur Genesung in den osteuropäischen Kurort Klodebrady. Dort verweilt Serge in einer zauberbergähnlichen Anstalt und wird von einem kuriosen, schmächtigen Arzt behandelt. Hier mendelt sich die Farbe Schwarz als Signal für Todessehnsucht, für den Styx und für die Unterwelt in das Erzählgewebe dieses Roman hinein. So lautet die Diagnose des Arztes Dr. Filip wie folgt:
"Blut", sagt Dr. Filip und zeigt darauf. "Du hast kachektische Verfassung. (...) Guck, wie dunkel das ist. (...)
"Und die Ursache?", fragt Serge.
"Morbide Masse!"
Dr. Filips dünnes Stimmchen zirpt aus dem kleinen Mund.
"Böses Zeug. Würde ich reden vor mehreren Hundert Jahren, ich würde es chole nennen, Galle - schwarze Galle: mela chole. Heute kann ich Epigastritis dazu sagen, ernährungsbedingte Toxämie, Darmfäulnis, noch sechs, sieben mehr Namen - aber sie erklären nicht, was die Ursache ist. Es braucht einen Wirt, der es nährt, und du bist bereit. Was es will, hast du gestern gesagt, und das heißt, du bist bereit, seine Bedürfnisse zu stillen, sie zu deinen zu machen. Das müssen wir ändern."

Es bleibt dem Leser überlassen, den schockstarren Zustand des Protagonisten, den Panzer, den er sich im Laufe des Romans zulegt, mit dem frühen Tod seiner Schwester in Verbindung zu bringen. Bedeutungen und Sinngebungen sind in diesem Roman öfter in den Ellipsen zu suchen, in dem, was ungesagt bleibt. Auch hier winkt Derrida mit seinem Diktum, dass das Ungesagte genau so sinnstiftend sei wie das Ausgesprochene. Ästhetisch sucht Tom McCarthy hier den Schulterschluss mit den Giganten der Moderne. Neben Franz Kafka haben vor allem Samuel Beckett, Georges Bataille, Vladimir Nabokov und Ezra Pound ihre Spuren in diesem Text hinterlassen. Den Lesern des englischen Originals gibt Tom McCarthy darüber hinaus einen Kode, einen semantischen Hinweis mit auf den Weg, nach dem man das Phlegma des Serge Karrefax entschlüsseln kann. Wenn immer er sich mit seiner Schwester Sophie trifft, spielt neben dem Insekt in Gestalt eines Falters, einer Biene, einer Wespe, auch ein Tintenfass mit schwarzer Tinte eine Rolle. In den beiden englischen Begriffen insect und inkset klingt ein dritter schon mit, die Geschwisterliebe, incest.
Zeichenhaft ist auch die Szene einer menschlichen Kopulation, die der junge Serge eines Abends auf der Obstwiese seines Elternhauses beobachtet. Es ist der Abend, an dem die Schüler der Taubstummenklasse ein Historienspiel, eine Vorführung des antiken Dramas Persephone gegeben haben, die von Hades in die Unterwelt entführt wird.
"Sophie bleibt so unauffindbar wie Persephone." heißt es lapidar, und dann darf man davon ausgehen, dass Serge sie doch findet, ihren Schatten zumindest, in eigenartiger Verrenkung hinter einem Leintuch, das als Projektionsfläche noch auf der Wiese gespannt ist. Als Sparringspartner kommt dabei bestenfalls der hereingeschneite Vaterfreund Samuel Widsun infrage. Schlimmeres darf unter der Rubrik Inzest auch befürchtet werden:
"Er schaut sich um; zwar erhellt kein Mond den Rasen, doch verbreitet eine Lampe, die irgendwer hinter dem Laken vergaß, ein sanftes Glimmen. Fast hat er das Laken erreicht, als er sieht, was das Geräusch verursacht - vielmehr kann er nur dessen Schatten sehen (...).
Es ist ein bewegliches Ding aus gelenkigen Teilen. Eines der Teile steht horizontal wie ein flacher Tisch auf vier Stangenbeinen, das andere ist vertikal, mit der Unterseite des rückwärtigen Tischendes zusammengefügt, doch darüber aufragend, mit zuckendem Grat, da der ganze Apparat vor- und zurückruckelt. Das Ding pulsiert wie eine Insektenlunge, und bei jedem Pulsschlag, jedem Atemstoß, ist das Rascheln, Scheuern und Schaben zu hören, mit jedem Stoß quiekt der horizontale, untere Teil, während der vertikale Teil anfängt, ein tiefes Schnauben von sich zu geben, ein barsches, schweinsähnliches Grunzen."

Mit drei Frauen wird Serge im Laufe dieses Romans eine Affäre beginnen, und jedes Mal bevorzugt er im Liebesakt eben diese Stellung, die er als Kind beobachtet hat. Zuletzt geschieht dies in dem Tunnel einer Ausgrabungsstätte in Ägypten. So viel Unrat liegt hier unter der Erde, dass Serge sich dabei eine Wunde am Knöchel zuzieht. Eine Blutvergiftung folgt, an der er dann stirbt, in einem großen fieberhaften Traum. Alle assoziativen Fäden, die Tom McCarthy zu diesem Finale hin gesponnen hat, Assoziationen zum Styx und zur Unterwelt, zu Orpheus, fotografischen Negativen, zu archaischen Opferkulten vereinigen sich in einem großen, meisterhaft erzählten Crescendo. Im Tod sind Sophie und Serge wieder vereint.
"Ein Blick hinab verrät ihm, dass die Girlande aus verwelkten, toten Blumen geflochten wurde - und im selben Moment, dass die Kinder ebenso tot sind, ja, dass das ganze Königreich, über das zu herrschen er und seine Braut gesalbt werden, negativ ist, negativ im strikt photographischen Sinne: eine seitenverkehrte Vorlage, von der man endlos korrekte, seitenrichtige Kopien drucken könnte (...).
Chemische Dämpfe wehen in Schwaden über das Podest, als sich der Priester an Braut und Bräutigam wendet und sie beim Namen nennt. Es sind lange Namen voller Zusammensetzungen: Serge heißt "Ra-Osram-Iris-K4-CQD" und seine Braut "CY-Hep-Sofia-SZGY". (...).
Dann ist es so weit, Sophie schlägt die Gaze zurück und schaut Serge an. Sie braucht ihn nicht zu fragen, ob er sie wieder erkennt."

Eros und Tod finden zueinander, genauso die ägyptischen Königskinder Isis und Osiris. Gleich einem unterirdischen, schwarzen Fluss sind diese Motive von Anfang an präsent. Sie tauchen auf, verebben, formieren sich neu, in einem ständigen, metaphorischen Prozess der Gestaltwandlung, der Um- und der Überformung. Nicht nur menschliche und vegetabile Formen verschlingen einander in diesem Roman zu Erzählornamenten, sondern auch Mensch und Insekt, Mensch und Maschine. Letzteres gilt vor allem für das Kapitel zum Ersten Weltkrieg, den Serge als Flieger in einem zweisitzigen Doppeldecker namens RE-8 bestreitet. Serge liebt den Krieg. Unter dem Einfluss der Geschwindigkeit, der Todesgefahr wie unter Drogen, er nimmt Kokain und Heroin, erlebt er einen Rausch, der stark an das erinnert, was die italienischen Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti proklamierten. Der Krieg und alle Maschinen, die ihm dienen, besitzt eine eigene, dem Menschen entrückte Schönheit:
"Als der Sekundenzeiger über das letzte Viertel des Ziffernblatts seiner Uhr wandert, spürt Serge ein fast heiliges Kribbeln, als wäre er selbst gottgleich geworden, durch Maschinen und Signalkodes an einen höheren Platz in der Gesamtordnung der Dinge gehievt, auf eine Aussichtsplattform, von der aus die Erde und Himmel verbindenden Vektoren und Kontrolllinien, die hermetischen Beschwörungsformeln bis hin zu Buchstaben und Schriftart sichtbar, sogar spürbar werden (...).
Alles wirkt verbunden: Diverse Orte zucken und entladen sich in Bewegung wie Glieder, die auf von andernorts im Körper geschickte Impulse reagieren, Schwenkarme und Ausleger, die Hebeln am anderen Ende eines komplizierten Gefüges von Seilen, Zahnrädern und Relais gehorchen."

Auf fast schon unheimliche Weise versteht Tom McCarthy es, das Wesen der Beschleunigung - und auch ihr Gegenteil, die totale Verlangsamung, in seinen Roman hineinzunehmen. Wieder reflektiert er sowohl die Bedingung des Romans, der ja ohne Erzählzeit nicht denkbar wäre, wie auch ein Faszinosum der erzählten Zeit, der vorletzten Jahrhundertwende, die ja erstmals jene ungeahnte Beschleunigung erlebte, mit der die Menschheit seither hadert. Der Rausch der Erzählung entsteht durch Geschwindigkeit, aber auch durch Lust am Töten. Wenn Serge auf den Feind schießt, dann zitiert er Verse von Edmund Spenser aus dem Historienspiel seiner Kindertage.
Damit ist eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen, die in den anstehenden Gedenken zum 100. Jahrestag des Großen Krieges 2014 sicher wenig beachtet werden wird. Der erstmals maschinierte, total beschleunigte Luftkrieg konnte für die, die ihn ausführten, durchaus auch erotisch aufgeladen sein, einen Lustgewinn bedeuten. Mit den üblichen, pazifistisch konnotierten Rückdeutungen des Kriegsgeschehens im zeitgenössischen Roman hat dieser Text herzlich wenig zu tun.
Tom McCarthy lanciert also einen beherzten Tabubruch. Das ist durchaus im Sinne des Künstlers, der mit einem futuristischen Netzwerk auch im Web unterwegs ist. Seine sogenannte "Necronautical Society" hat ganz im Stil des vorletzten Jahrhunderts ein eigenes Manifest ins Netz gestellt. Nach dem "Necronoautical Manifesto" soll der Tod in der Mitte des Schaffens aller beteiligten Künstler stehen.
We, the first Committee of the International Necronautical Society, declare the following:
1. That death is a space, which we intend to map, enter, colonise and eventually inhabit.
2. That there is no beauty without death, it's immanence. We shall sing death's beauty, that is, beauty.
3. That we shall take it upon us, in all forms, to bring death into the world. We will chart all it's forms an media: in literature and art, where it is most apparent; also in science and culture, where it lurks submerged but no less potent for the obfuscation ...

Das ist schön und gut. Unbehagen bereiten allerdings einige begleitende Interviews, in denen Tom McCarthy den angeblichen Konservativismus, den so wörtlich "sentimentalen Humanismus" und die "konventionellen Erzählstrategien" des zeitgenössischen englischen Romans geißelt, eines Romans, der weit hinter die Errungenschaften der Moderne zurückgefallen sei.
Sieht man von der damit verbundenen Selbstüberhöhung einmal ab, darf festgehalten werden, dass der Umkehrschluss, ein moderner Roman in McCarthys Sinne sei antihumanistisch, in keiner Weise zutreffen kann und darf. Auch nicht für seinen eigenen Roman "C". Tom McCarthy hat nämlich einen unbequemen, manchmal provokanten, aber höchst virtuosen Roman vorgelegt, der fest in der Tradition der europäischen Moderne steht, und dem man einen Platz im Kanon der zeitgenössischen Literatur durchaus wünscht."





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Margit Knapp: "Die Überwindung der Langsamkeit"

Samuel Finley Morse - der Begründer der modernen Kommunikation

Margit Knapp: 'Die Überwindung der Langsamkeit'zoomFunkamateure wissen: CW ist nicht tot. Wer an der Taste sitzt, sei es beim Hobby oder (noch) beruflich, verbindet mit der Morsetelegrafie nicht „Punkt und Strich“ sondern „dit und dah“. Zur Entwicklungsgeschichte zählen Namen wie Wheatstone und Vail; Der ursprüngliche American Morse Codeunterscheidet sich gründlich vom heutigen System… Das Internet ist prallvoll mit Informationen. Hier aber ist (endlich) eine belletristische, von technischen Details weitgehend unbelastete Biografie dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit.
Margit Knapp Die Überwindung der Langsamkeit. Samuel Finley Morse – der Begründer der modernen Kommunikation Roman, 192S mit Abb. und Ill., Hamburg, 2012: mareverlag €19,90 (D), €20.50 (A), sFr 28,90 – ISBN 978-3-86648-139-8 - linkext. Link
Morse bei DokuFunk: Sonderschau - Der Maler Samuel F.B. Morse

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Kurzwellenempfang heute

Die neuen Perspektiven der SDRs

Kurzwellenempfang heutezoomDie seit Jahren tot gesagte Kurzwelle lebt nach wie vor – und es wird sie noch geben, wenn der letzte ihrer Totsager gestorben ist. Geändert hat sich allerdings das Angebot: Viele internationale Dienste wurden geschlossen, weitere werden folgen, bis nur noch wenige big player den Markt bestimmen werden. Aber die Frequenzbänder sind nach wie vor prallvoll mit Signalen der unterschiedlichsten Funkdienste. Und geändert hat sich auch die Technologie. Die über Jahrzehnte hinweg konkurrenzlosen Empfänger und Sender analoger Bauart werden abgelöst durch Geräte in Digitaltechnik. In Verbindung mit dem PC leisten Sie buchstäblich bislang Ungeahntes. Nils Schiffhauer, DK8OK, heute der wohl kompetenteste Kenner der Materie, führt mit diesem Buch in die ganze Welt der Software-defined Radios (SDR) ein und vertieft das Wissen auch jener, die bereits mit SDR-Geräten zugange sind. Zwar besteht die Gefahr, dass angesichts immer kürzerer Entwicklungszyklen und rascherer Update-Folgen ein solches Werk bald an letzter Aktualität verliert; die Fülle an gebotener Information und gesammelter Erfahrungen wiegt aber diese Einschränkung gewiss auf.
Nils Schiffhauer Kurzwellenempfang heute Die neuen Perspektiven der SDRs. Broschur, 208S, 275 Abb., inklusive DVD mit Multimedia-Workshop. 2012, Baden-Baden: vth Verlag für Technik und Handwerk - VTH-Best.-Nr. 411 0169, ISBN 978-3-88180-872-9, € 26,80(D) secure linkext. Link

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Geschichten über’s Radiohören

Carmen Friedrich, Hans-Joachim Brustmann

14.07.10

Geschichten über’s Radiohören„Ein Leben ohne Radio, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen.“ In ganz besonderem Maß gilt diese Maxime für jene, für die das Rundfunkhören zum Hobby wurde, mehr noch zur Leidenschaft. Als Wellenjäger durchstreifen sie die Weiten des Ätherwellen-Universums auf der Suche nach immer neuen Empfangserfolgen oder parken sich ein bei ihren Lieblingssendern, um Information aus erster Hand zu erhalten. Sei dies nun eine objektive Meldung aus einem Land, dem hiesiger Redaktionen jenseits von Kriegs- oder Katastrophenfall keine Aufmerksamkeit schenken, sei es unverhüllte, für unsere Ohren kaum erträgliche Propaganda: So oder so, wie sich ein Staat über seine Massenmedien selbst darstellt, ist in jedem Fall enthüllend. Dies gilt ganz explizit für die internationale Präsenz – für Auslandsdienste, die traditionell auf Kurzwelle senden, mittlerweile vermehrt (auch) im Internet. Dass das Abhören ausländischer Stationen auch gefährlich sein konnte – und nicht nur im „Dritten Reich“ – haben vor allem die Hörer in der DDR leidvoll erfahren. Einer von ihnen, Hans-Joachim Brustmann, zeichnet gemeinsam mit Carmen Friedrich eine Erfahrungsreise durch mehrere Jahrzehnte der Wellenjagd nach, Anlass ist das 20jährige Bestehen des Radio Hörer Clubs International (RHCI), dessen Herz und Seele Hans-Joachim Brustmann in der Hammer-Sichel-Ähre-Ära war und bis heute blieb. Hier liegt also erstmals eine sehr persönliche, zugleich faktenreiche und kompetente Schilderung aus der Feder von DXern vor (so nennen sich die Hobbyfreunde in ihrem eigenen Jargon.

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Kommandosache "Sonnengott"

Die Geschichte der deutschen Sonnenforschung

Kommandosache 'Sonnengott'Zwischen 1939 und 1945 investierte die Luftwaffe des Dritten Reiches unter dem Codewort "Sonnengott" große Summen in die Sonnenforschung und in den Aufbau eines Netzes von Sonnenobservatorien. Durch Beobachtungen der verschiedenen Erscheinungen der Sonnenaktivität sollte eine verlässliche tägliche Vorhersage der optimalen Frequenzbänder für den militärischen Weitfunk geliefert werden. Zum Aufbau dieser Forschungsaktivitäten bediente sich die Luftwaffe eines jungen Astrophysikers, der als Sohn eines bekannten linksgerichteten Verlegers der Weimarer Republik wenig geeignet erschien, "kriegsentscheidende Forschung" für das nationalsozialistische Regime zu betreiben: Karl-Otto Kiepenheuer (1910-1975). Hitlers Krieg machte den knapp dreißigjährigen und bis dahin reichlich erfolglosen Kiepenheuer unter Umgehung der üblichen akademischen Laufbahn zum einflussreichen Institutsdirektor, der er auch die folgenden drei Jahrzehnte bleiben sollte. Funkamateure stoßen aber auf eine Vielzahl weiterer vertrauter Namen... Dieses Buch erzählt die Geschichte der deutschen Sonnenforschung im Zeitraum 1939-1949, ihre Verstrickungen in die Verbrechen des NS-Regimes sowie ihre Instrumentalisierung durch die westlichen Besatzungsmächte bis zur Gründung der Bundesrepublik.
Michael P. Seiler, Kommandosache "Sonnengott". Geschichte der deutschen Sonnenforschung im Dritten Reich und unter alliierter Besatzung. Acta Historica Astronomiae Vol. 31, 2007, Frankfurt/Main: Verlag Harri Deutsch. - 246 Seiten, kartoniert, €(DL)22,80, ISBN 978-3-8171-1797-0. linkext. Link

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Theorie und Praxis der Kurzwellenausbreitung

Dipl.-Ing. Gerd Klawitter

Theorie und Praxis der KurzwellenausbreitungGerd Klawitter ist Profi in Theorie und Praxis. Was er, knapp und präzise, vorstellt, beruht auf jahrzehnte langer Erfahrung. Die Einleitung bietet die wohl unvermeidlichen Grundlagen: Die Ionosphäre, die Ausbreitungsbedingungen, die Planung von Funkverbindungen. Den Hauptteil des Buches bildet die detaillierte Beschreibung der gängigsten Prognose-Programme. Auf einer beigestellten CD sind sie, als Freeware oder in Demoversion, zu finden.
Dipl.-Ing. Gerd Klawitter Theorie und Praxis der Kurzwellenausbreitung Leichtverständlich dank moderner Software. 2008: Siebel Verlag im vth Verlag, Baden-Baden. Br., 160S mit zahlr. Abb. und CD- ISBN 978-3-88180-672-5 - €23,50 (D)

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Wir kommunizieren uns zu Tode

Gerald Groß

Wir kommunizieren uns zu TodeGerald Groß ist einer der Moderatoren der "Zeit im Bild", der TV-Nachrichtensendung des ORF. Er erregte Aufsehen (für manche Betroffenen: einen Skandal), als er sich öffentlich medienkritisch äußerte, auch zur Situation in der eigenen Anstalt: ausgerechnet er, der vor laufender Kamera durch bohrendes Nachfragen und überraschendes Nachstoßen (dank exzellenter Vorbereitung) so manche politische Größe irritiert hatte. Nun legt er Überlegungen zum Überleben im digitalen Dschungel vor: Welche Auswirkungen haben die technischen Möglichkeiten auf unsere Sicht der Welt, auf unsere Privatsphäre? Was sind Informationen noch wert, wenn sie ständig abrufbar sind, wenn das Wissen der Welt von Amateuren verwaltet wird?
Gerald Groß, Wir kommunizieren uns Tode. Überleben im digitalen Dschungel. 2008: Ueberreuter, Wien. 200S, €19,95/sFr 34.80, ISBN-978-3-8000-7383-2. linkext. Link

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50 Hertz gegen Stalin

Steffen Lüddemann

50 Hertz gegen StalinDie vier Gymnasiasten aus Altenburg in Thüringen, DDR, die 1949 aus ethischen Gründen Widerstand gegen das SED-Regime und die sowjetische Besatzung leisteten, indem sie Flugblätter aus dem Westen verteilten und später einen Radiosender bauten um die Huldigungsorgien zu Stalins siebzigsten Geburtstag zu torpedieren und mit dem sie eine Rede von Wilhelm Pieck störten, hat es tatsächlich gegeben, und nachdem Steffen Lüddemann zunächst ein Hörspielfeature und einen Dokumentarfilm dazu produzierte, hat er nun die Geschichte in einem Roman verarbeitet.
Steffen Lüdemann, 50 Hertz gegen Stalin. 2007: Verlag Sauerländer, Düsseldorf, 267 S, ISBN-13:9783794180653, €14,90

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Soldatensender. Geschichte und Gegenwart

Rainer Pinkau und Hans Weber

Soldatensender. Geschichte und GegenwartDie Autoren verfolgen die geschichtliche Entwicklung der Soldatensender seit Beginn des Radiozeitalters. Sie beschreiben detailliert die Tätigkeit der Propaganda- und Geheimsender im zweiten Weltkrieg. Auch nach 1945 waren Diversionssender durchaus wichtige Propagandamaßnahmen im kalten Krieg – so etwa der „Deutsche Soldatensender 935“. Von den Ätherwellen-Attacken am Golf bis in die Gegenwart spannt sich der Bogen, aber auch die Sender, die Truppenverbände daheim (ob in Deutschland oder Israel) und im Auslandseinsatz versorgen, werden dargestellt. Ein umfangreicher Serviceteil mit Informationen rundet das Angebot ab.
Rainer Pinkau und Hans Weber, Soldatensender. Geschichte und Gegenwart 2007, Siebel Verlag im VTH Verlag für Technik und Handwerk, Baden-Baden, br., 112 Seiten, 75 Abbildungen. ISBN: 978-3-88180-661-9 - VTH-Best.-Nr.: 413 0053, €13,50

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Ich musste immer lachen. Dieter Hildebrandt erzählt sein Leben

Dieter Hildebrandt / Bernd Schroeder

Ich musste immer lachen. Dieter Hildebrandt erzählt sein LebenEin Zeuge des Jahrhunderts erzählt dem Buchauto Bernd Schroeder sein Leben – ohne Nostalgie, ohne Pathos, nachdenklich und mit trockenem Humor. Dieter Hildebrandt prägt wie kein anderer das politische Kabarett in Deutschland. Er hat Kultrollen in Filmen gespielt, viele erfolgreiche Bücher geschrieben und zahlreiche Auszeichnungen für seine Arbeit erhalten. 2007, aus Anlass seines 80. Geburtstages ermöglicht er den Lesern, persönliche Einblicke in sein Leben zu nehmen. Die Hardcover-Ausgabe bei Kiepenheuer liegt nun auch als preiswertes Taschenbuch vor.
Dieter Hildebrandt / Bernd Schroeder . Ich musste immer lachen. Dieter Hildebrandt erzählt sein Leben. 2008: Heyne TB, 240S, ISBN978-3-453-64036-8. € 8,95 [D] | € 9,20 [A] | SFr 16,90

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Marconis magische Maschine

Erik Larsen

Marconis magische MaschineEs hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man einem Funkamateur erzählen, wer Guglielmo Marconi war und welche Leistungen er für die drahtlose Kommunikation erbrachte. Und der Streit zwischen den Experten tobt immer noch, ob am 12. Dezember 1901 tatsächlich die erste transatlantische Funkverbindung geglückt war oder ob Marconi, in akuter Finanznot und mit zerrupftem Image, die Übertragung der Buchstaben SSS bloß als Medienspektakel inszeniert hatte. Außer Zweifel steht aber, dass spätestens nach dem Untergang der „Tiitanic“ ein international geregelter Seefunkdienst entstand –und keinen Zweifel gibt es auch an der spektakulären Festnahme des Mörders Hawley Harvey Crippen, dessen Flucht auf der „“SS Montrose“ dank einer Funkverbindung mit der Festnahme endete. Erik Larsen ist ein routinierter Autor mit Printmedien-Erfahrung: beim „Wall Street Journal“, aber auch mit Magazinbeiträgen, u.a. im renommierten „The New Yorker“. Bisher von ihm in deutscher Sprache erschienen: „Isaacs Sturm“ (2000) und „Der Teufel von Chicago“ (2004). Mit „Marconis magische Maschine“ gelingt ihm die Verbindung von Zeitgeschichte, der Ära des technischen Aufbruchs - und einer handfesten Krimi-Story. Kein Wunder, dass das Buch viele Wochen auf der Bestsellerliste der „New York Times“ stand. Larsen hat fleißig in den Archiven recherchiert und webt geschickt in den Handlungsablauf Zitate im Wortlaut ein. Daher sind die funktechnischen Angaben korrekt (und erstaunlich geschickt gewertet), und dass hin und wieder der Fluss der Erzählung aus dem Zettelkasten ergänzt wird oder die Schilderung besonders dramatisch ausfällt (so etwa, wenn es um jenen Dezembertag 1901 geht), kann das einem Funkfreund nur noch mehr Freude machen.
Erik Larsen, Marconis magische Maschine, aus dem Amerikanischen von Gabriele Herbst, 448S, geb. , 2007: Scherz, ISBN 978-3-502-15008-4
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Hörspiele der Anfangszeit - Schriftsteller und das neue Medium Rundfunk

Frank Steinfort

Hörspiele der Anfangszeit - Schriftsteller und das neue Medium RundfunkDas neue Medium Rundfunk wurde in den 1920er Jahren für Schriftsteller als Betätigungsfeld interessant. Die in diesem Zusammenhang oft genannten Brecht oder Döblin hatten aber zu dem neuen Medium eine eher zufällige und zeitweilige Nähe. Franz Steinfort hat sich stattdessen mit solchen Autoren zu beschäftigen, die sich dem neuen Medium öffneten, die eigenen künstlerischen Kompetenzen an ihm ausloteten und ihrerseits Anstöße für eine Weiterentwicklung gaben. Im Mittelpunkt des Buches stehen Rundfunkarbeiten von Alfons Paquet, Eduard Reinacher und Hermann Kesser. Neben kürzeren Beiträgen zu einzelnen Sendungen, den Entwürfen und der Präsentation kleinerer Sendeformen, z. B. von Hörfolgen sowie Vorträgen und Gesprächen, finden vor allem die Hörspiele Beachtung. Das neue Medium faszinierte die drei Autoren. Alfons Paquet wollte die Technik beherrschen und bildete sich auf Tagungen oder mittels autodidaktischer Studien fort. Mit seinem Engagement förderte er auch Schriftstellerkollegen, so dass man ihn durchaus als Kulturmanager bezeichnen könnte. Eduard Reinacher erarbeitete sich innerhalb kurzer Zeit einen Ruf als Spezialist für die dramaturgische Seite einer Produktion. Insoweit arbeitete er mehr im redaktionellen Hintergrund und betrachtete sich als Teil eines Teams. Hermann Kesser wollte das neue Medium als kritischer Geist der Zeit nutzen. Via Radiowellen sollten gesellschaftskritische Botschaften in einer von Krisen erschütterten Zeit gesendet werden. Kesser begleitete seine eigenen Produktionen von der Stoffauswahl bis zur damals üblichen Live-Präsentation im Rundfunkhaus.
Franz Steinfort liefert wertvolle Thesen zur Grundlagenforschung zur Genese des „Hörspiels“ als neue Gestaltungsform, wo bislang nur das „Schauspiel“ Maß aller Dinge war. Er belegt, wie bedauerlich dürftig die Quellenlage ist; um so bemerkenswerter, wie viel profundes Material er zu den exemplarisch vorgestellten Autoren zusammengetragen hat.
Franz Steinfort Hörspiele der Anfangszeit Schriftsteller und das neue Medium Rundfunk - Düsseldorfer Schriften zur Literatur - und Kulturwissenschaft, Band 4 – 372S, br., 2007: Klartext-Verlag, Essen, ISBN 978-3-89861-835-9 linkext. Link




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