Singapore goes off the air


MBC - Die 'Malaya Broadcasting Corporation'

MBC - Die 'Malaya Broadcasting Corporation'zoomMBC-Direktor war Eric Davis, Radiochef war W. R. Reid und Technischer Direktor war Danny Weigall (dessen Unterschrift auf den QSL-Briefen aufscheint). Zu ihrer Spitzenzeit hatte die MBC fast dreihundert Mitarbeiter und strahlte vier verschiedene Programme gleichzeitig in 13 Sprachen aus.
So schätzt der Buchautor das Selbstverständnis und den Programmauftrag der MBC ein:
Man wollte die Sitimme Britanniens in Fernost sein. Man wollte erstklassige offensive Propaganda verbreiten. Man wollte die Moral stärken. Man wollte Verhaltensregeln geben. In einer Situation von permanentem Stress wollte man den Anschein von Normalität wahren. Noch während der massivsten Angriffshandlungen wollte man als einziger Betreiber weiterhin Unterhaltung senden - so wie es die BBC in den schlimmsten Zeiten des 'London Blitz' getan hatte. Kurz gesagt: Man wollte all dies bieten, Angriff wie Verteidigung, somit eine bestausgestattete Rundfunkstation sein, wie sie in der modernen Kriegsführung unverzichtbar ist.(S 80)
Der BBC wirft Playfair vor, über die Situation in Fernost völlig fehlinformiert gewesen zu sein.
Wenngleich der (hier abgebildete) Brief als Anschrift der MBC das Union Building anführt, also das Gewerkschaftshaus, sei die Station laut Playfaire im Cathay untergebracht gewesen, einem Miniatur-Wolkenkratzer, der die Skyline der Stadt dominierte. Im fünften Obergeschoß befand sich ein einziges kleines Studio. Der eigentliche Studiokomplex lag fünf Meilen weiter in der Thomson Road. Dort wurden alle Programme in Englisch produziert. Der Direktor von MBC residierte in einem imposanten Haus auf dem Mount Rosie, etwa eine Meile von der Thomson Road. Die Studios "sind in einem heruntergekommenen Bungalow installiert, der weder schalldicht noch bombensicher ist. Und da während der Luftangriffe der öffentliche Verkehr lahm gelegt wird, ist die Thomson Road nach Einbruch der Dunkelheit de facto von der Stadt abgeschnitten. Wer zum Nachtdienst eingeteilt ist und nicht das Glück hat, von einem leidgeprüften Kollegen mitgenommen zu werden, muss noch vor Sonnenuntergang da sein. Dann hängt man stundenlang herum, bis das Spätprogramm endlich beginnt, und hat man den Dienst beendet, betet man um das Wunder eines freien Platzes in einem Privatauto oder einen abenteuerhungrigen Taxifahrer, um wieder nach Hause zu kommen." (S 105)
Heutige Wellenjäger wären froh, wenn es - wie damals bei der MBC - einen Programmassistenten gäbe, der Nacht für Nacht in der Thomson Road saß und jedes Programmdetail, jeden einlangenden Telefonanruf etc. in ein Betriebslog eintrug.
Playfair war Ersatzsprecher und Produzent von Hörspielen, Musik- und Feature-Sendungen und lernte daher den Betrieb intensiv von innen kennen. Seine Spezialität waren live ausgestrahlte Unterhaltungssendungen, vor allem Hörspiele, in denen Laien als Schauspieler auftraten. Solche Sendungen wurden bis zuletzt produziert, freilich mit immer geringerem Aufwand. Noch einen Monat vor der Besetzung durch die Japaner hatte MBC wöchentlich zwei Hörspiele, drei Musik-Features, Vorträge, Interviews und andere Sendungen im Angebot. Es war üblich, unter Pseudonym aufzutreten. Playfair hatte vier Künstlernamen: John English, Anthony Boston, Brian Golding und Mark Caffyn. Noch in den letzten Tagen vor seiner Evakuierung setzte Playfair alles daran, zumindest ein Hörspiel pro Woche zu gestalten: "Irgendwie käme die komplette Aufgabe meiner Hörspielpläne Planung einer persönlichen Kapitulation gleich - das könnte ich jetzt schlichtweg nicht verkraften." (S 165)
Am 8. Februar, drei Tage vor seiner überstürzten Abreise, probten er und ein Kollege - als bereits japanische Bomber über die Stadt hinwegbrausten - noch eine Lesung von Die weißen Klippen (The White Cliffs), einem Gedicht von Alice Duer Miller. Immer schwieriger wurde die Kraftanstrengung, einen Anschein von Normalität im Sendebetrieb vorzutäuschen. Playfair und einige seiner Kollegen wurden in schier aussichtsloser Lage am 11. Februar 1942 im japanischen Bombenhagel per Schiff evakuiert. Sie wussten nicht, wohin man sie bringen würde, und zumindest ein Schiff mit MBC-Mitarbeitern wurde von den Japanern aufgebracht.
Direktor Davis hatte wissen lassen: "Ich habe Vorsorge getroffen, dass Ihre ausstehenden Gehälter in jedes Land der Welt überwiesen werden. ... Sollte es Sie nach Indien verschlagen, melden Sie sich bei All India Radio. Sollten Sie nach Australien kommen, nehmen Sie mit der Australian Broadcasting Commission Kontakt auf” (p. 245)
Nach drei Tagen landete Playfair in Batavia und fand dort seine Frau wieder, die einen Monat zuvor eingetroffen war. Gemeinsam reiste das Paar nach Australien weiter.
Der Mitarbeiterstab der MBC war nun über den ganzen Erdball verstreut. "Wir haben keine Verbindung mehr. Wir dienen auf die unterschiedlichste Weise jeder einem anderen Herrn. Aber ich bin tröste mich mit dem Gedanken, dass wir alle jetzt nur die Zeit überbrücken - und vielleicht sogar um gutes Geld -, bis eines Tages der Tontechniker wieder an seinem Mischpult sitzt, der Sprecher vor seinem Mikrofon, und das Rotlicht angeht und die Welt wieder die Ansage hört: 'This is the Malaya Broadcasting Corporation.'"(S 267)
Ein bedeutsames Ereignis war die Verlegung eines kleinen Mitarbeiterstabs der MBC nach Batavia. Dort sollte Ersatz geschaffen werden für den Fall, dass die Frequenzen der MBC in Singapur ausfielen. (Zugleich diente die Maßnahme als Vorwand für die frühzeitige Evakuierung von Teilen des Personals.) Dies geschah am 1. Februar 1942. Die Verbindung zwischen der Stammmanschaft in Singapur und der Gruppe in Batavia wurde recht rasch geschaltet. Offenbar gingen die ersten Programme bereits am 6. Februar um 06:00 Uhr auf Sendung, denn die Ansage aus Batavia lautete: "Hier ist die Malaya Broadcasting Corporation mit einer Testsendung. Wir teilen unseren Hörern mit, dass wir ab heute Abend 16:00 unser Vollprogramm aufnehmen. Der neue Sendeplan lautet: ... Allen unseren Hörern übermitteln wir unsere besten Grüße und Wünsche " (S 215)
Am 15. Februar besetzten die Japaner ganz Malaya, somit auch Singapur. Aus der MBC wurde Radio Shonan. Nach Kriegsende residierte in der Thomson Road das British Far Eastern Broadcasting Service, ab Juni 1946 unter der Bezeichnung Voice of Britain. Daraus wurde 1948 die allgemein bekannte BBC Far Eastern Station.



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