Franz Anderle - Der Wegbereiter

Der Gründungsvater des ÖVSV

16.01.10

Franz Anderle - Der WegbereiterzoomParallel zur militärischen Karriere studierte Anderle am Elektrotechnischen Institut der Technischen Hochschule in Wien, wo er 1923 mit dem Ingenieur-Titel abschloss, und betätigte sich als Praktikant bei Daimler (Wr. Neustadt), Laurin und Klement (Jungbunzlau) und Siemens.

Telegraphie ohne Draht!
1897/98 begann man sich in Österreich-Ungarn intensiv mit der neuen und für viele Militärs geheimnisvollen Technologie der drahtlosen Telegraphie zu beschäftigen, vor allem bei der k.u.k. Kriegsmarine, die ja an den sich dadurch eröffnenden Möglichkeiten besonders interessiert sein musste. Franz Leist bei der Marine [2] und Franz Andere beim Heer wuchsen – jeder auf seinem Gebiet – zu den ersten Experten und Pionieren heran. Ihre Wege sollten sich (auch als Konkurrenten) weiterhin kreuzen.
1911 erschien Anderles „Lehrbuch der Drahtlosen Telegraphie und Telephonie“, ein frühes Standardwerk. [3]
Von 1902 bis 1911 war Anderle Technischer Leiter der Versuche mit Radiotelegraphie beim Eisenbahn- und Telegraphenregiment, bis 1912 dessen Kommandant. Zu den vielen damals angestellten Versuchen gehörten auch erste Experimente mit Peilmessungen.
Nach einem Intermezzo als Leiter der Radiostation in Slavonisch-Brod wurde Anderle als Kommandant zur neu errichteten Radiostation Wien-Laaerberg versetzt (ab Juli 1914 als Großradiostation bezeichnet und mit der Radiostation Wien im Kriegsministerium verbunden). Das war eine undankbare Aufgabe, denn die dort aufgestellten Poulsen-Lichtbogensender brachten auch nach mehreren Umbauten an Sender und Antennen keine befriedigenden Ergebnisse. Ab 1915 verlagerte sich der Betrieb immer mehr zur Station in Deutsch-Altenburg.
Während des Krieges wurde Anderle Leiter des Radiodienstes der permanenten und provisorischen Radiostationen der Monarchie[4]. Wien-Laaerberg verlor bis zur Unkenntlichkeit an Bedeutung. Man versetzte Anderle daher an einen wichtigeren Posten, zum Heeresgruppenkommando Tirol, wo er als Radioleiter auch für die „Spezial-Telephon-Kurse und Dolmetschkurse für die gesamte bewaffnete Macht“ tätig war, von Juni 1917 bis Mai 1918 überdies als Leiter des militärischen Abhorchdienstes in Tirol. [5] (Gern wäre Anderle – damals und 1918 - zur nur knapp 30km entfernten Großradiostation Deutsch-Altenburg gewechselt, doch etablierte sich dort nach Kriegsende der ewige Konkurrent Franz Leist.)

Eine verwickelte militärisch/zivile Karriere
Nach Kriegsende erging es Anderle immerhin besser als vielen anderen Militärs, für die die junge Republik, verarmt und mit ungewisser Zukunft, keine Verwendung mehr hatte. Als anerkannter Experte leitete er 1919 zunächst den Umbau der Station Wien-Laaerberg – ein zum Scheitern verurteiltes Experiment[6] -, wurde 1920 wieder ins Bundesministerium für Heereswesen übernommen und als „Leiter der Versuchsabteilung für das Verbindungswesen“ zum Verbindungszeugsdepot nach St. Pölten versetzt: eine Notlösung, die man damit beendete, dass er 1922 zum Beamten mutierte: als Referent in der Abteilung 10 des BMfH. Kaum hatte er diese Gelegenheit genutzt, um sein Studium abzuschließen, machte man ihn 1923 wieder zum Offizier und, als Oberst, zum Waffeninspektor der Verbindungstruppe. In dieser Eigenschaft erwarb er sich große Verdienste beim Aufbau des Heeresfunknetzes, bis er im Februar 1931, 57jährig, auf eigenes Ansuchen, in den Ruhestand versetzt wurde.

„Broadcasting“, die neue Faszination
Anderle, stets vielseitig interessiert, war von den ersten Pioniertagen des jungen Mediums Rundfunk von dessen Möglichkeiten fasziniert, und dies nicht nur auf technischem Gebiet. „Broadcasting“ oder „Sprachtelephonie“ oder „Unterhaltungsrundfunk“ – der Begriff „Radio“ bürgerte sich erst später ein – versprach, auch ein lukratives Geschäft zu sein. Eine wahre Massenbewegung entstand da, den Vereinen und Verbänden der „Funkamateure“ traten binnen weniger Monate Tausende bei, und sie alle hungerten nach Information. Für dieses Publikum brachte Anderle als Schriftleiter ab 1924 die „Radiowelt“ heraus, eine „Illustrierte Wochenschrift für Jedermann“, die in einem eigens gegründeten Wiener-Radio-Verlag mit Sitz in Wien III, Rüdengasse 11, erschien.
Wenig später folgten andere Periodika, allen voran der „Österreichische Radio-Amateur“, der sich ebenfalls als Sprachrohr der jungen Vereine anbot. Anderle hatte freilich die Nase vorn, denn als Erster sah er im Radio nicht nur eine technische, sondern auch eine kultur- und gesellschaftspolitische Neuerung. Alle seine Verbindungen geschickt nutzend, setzte er sich dafür ein, dass der neu geschaffenen „Radioverkehrs AG – RAVAG“ auch ein beratendes Gremium beigegeben wurde, ein „Beirat“ (nach heutigen Begriffen: eine Hörervertretung), dem neben Beamten der zuständigen Ressorts auch Vertreter von Interessensgruppen angehörten, so etwa jene der Volksbildung, aber auch, mit verbindlichen Mandaten, die Delegierten der Radioklubs. Und Anderle, stets als Drahtzieher hinter den Kulissen aktiv, sorgt dafür, dass seine Redakteure, seine Klubleiter im Beirat gut vertreten sind.

Die Radioamateure wollen auch senden
Die „Radiowelt“ veröffentlicht das Programmschema der RAVAG, bringt ergänzende Beiträge zu den Sendungen, schafft eine neue publizistische Form: die Radiokritik. Technische Bastelanleitungen überlässt man zunehmend den Mitbewerbern am Markt; die Zielrichtung hat sich geändert: Anderle macht die „Radiowelt“ zum Sprachrohr jener Radioamateure, die in den Sendepausen der RAVAG eigene Programme ausstrahlen wollen. Geschickt koordiniert er die Kampagne: Der Beirat verabschiedet eine diesbezügliche Resolution, die die Direktion der RAVAG notgedrungen unterstützen und an die Behörden weiterleiten muss; die „Radiowelt“ applaudiert dem Beirat. Die leitenden Beamten im Handelsministerium zögern, vertrösten, da ergreift Anderle erneut die Initiative: Er teilt „Rufzeichen“ aus: AUX1 bis AUX12 werden von ihm vergeben, über die ersten Ausstrahlungsversuche berichtet erfreut die „Radiowelt“.
Aber noch fehlt die vereinte Kraft. Die Lobby der Radioamateure ist in sozial und politisch unterschiedlichst orientierte Verbände aufgesplittert. Stark ist man aber nur gemeinsam. Anderle beruft für den 30. Juli 1925 ein Aktionskomitee ein, in dem alle Amateurvereinigungen vertreten sind. Am 23. Oktober 1925 wird im Klubsaal des Hotel de France am Schottenring der provisorische Vorstand eines Vereins bestellt, der den Namen „Österreichischer Versuchssenderverband“ trägt und dessen erklärtes Ziel es ist, das Recht auf die Veranstaltung von Rundfunksendungen durchzusetzen.[7] Anderle wird Vorsitzender, seine Gewährsleute – viele auch Mitglieder des RAVAG-Beirats – werden in den Vorstand gewählt. Die „Radiowelt“ ist ab sofort die Verbandszeitschrift des ÖVSV. Statuten werden ausgearbeitet, den Behörden vorgelegt und anerkannt. Am 7. April 1926 wird in der „Konstituierenden Generalversammlung“ der ÖVSV aus der Taufe gehoben. Präsident: Oberst Ing. Franz Anderle. Ehrenpräsident: Prof. Max Reithoffer. Im Vorstand: Klubfunktionäre, Industrielle, der Gerätehandel.

Die „Wechselsprecher“ siegen
Aus den hochfliegenden Plänen wird nichts. Die Verhandlungen über die Bedingungen für eine Sendeerlaubnis verlaufen zäh, mit langen Unterbrechungen. Der Enthusiasmus der Radiomacher verfliegt.
Im April 1925 war in Paris der „1. Internationale Radio-Amateur-Kongress“ abgehalten worden. Dort erfolgte die Weichenstellung. Auf Drängen der Franzosen und Amerikaner spaltete sich die Amateurbewegung in die Radio-Enthusiasten und die Funkamateure „ausschließlich für wechselseitige Verbindungen untereinander“. Sie gründeten an Ort und Stelle die „International Amateur Radio Union“, die IARU.
Als Anderle erkennen musste, dass der ÖVSV keine Chancen hatte, in absehbarer Zeit Radio-Konzessionen zu erhalten, und als die zunächst überhaupt nicht im Vorstand repräsentierten „Wechselsprecher“ sich immer lauter zu Wort meldeten, schwenkte er um. Als kluger Kaufmann hatte er erkannt, wie man sein Publikum bei der Stange hält, als ehrgeiziger Präsident trat er nun voll und ganz für die Belange der Funkamateure ein. Die „Radiowelt“ wurde flammender Anwalt für die „Studiensender-Verordnung“, die im Jänner 1929 endlich in Kraft trat.

Die graue Eminenz
Anderle interessierte sich nie wirklich für den Amateurfunk. Er hielt Telegraphie-Kurse ab, erwarb aber selbst keine Lizenz. Die Redaktion der „Radiowelt“ fungierte als QSL-Büro, bis der ÖVSV 1929 als Landesgruppe 14 dem DASD beitrat.[8] Jedes Mitglied erhielt nun eine DE-Nummer, Anderle, die „Ehren-DE“ DE5000. Er hat sie nie in Anspruch genommen.
1931 erschien Anderles zweites Fachbuch[9], in dem sich der Frühpensionist ausschließlich mit den technischen Grundlagen auseinandersetzt. Zu diesem Zeitpunkt war Anderle für den Verband sowohl zur „grauen Eminenz“ als auch zur Belastung geworden: Einer, der den Jungen im Weg stand.
Was macht man in einer solchen Situation? Man ernennt den ersten Mann zum Ehrenpräsidenten und schiebt ihn auf diese Weise elegant ab. So geschehen bei der Hauptversammlung 1932, als Carl Martin UO1CM an die Spitze des Verbandes rückt.
Im Ständestaat mischte Anderle offenbar immerhin noch mit: 1935 verfasst er einen Band der „Taschenbücher für den österreichischen Heimatschutz“.[10] Für uns verliert sich nun die Spur. Über die beiden letzten Lebensjahrzehnte hat die Forschung noch viel aufzuarbeiten.
Franz Anderle starb am 29. Juli 1957, im Alter von 83 Jahren, in Lienz, Osttirol. Er liegt am Ortsfriedhof von Silian begraben.

[1] Militärische Laufbahn zit. nach: Prikowitsch, Johann „Ing. Franz Anderle – Ein österreichischer Funkpionier“, in: FMTS forum, Heft 4/2001
[2] Ausführlich in: Sifferlinger, Nikolaus A. - „Auslaufen verspricht Erfolg; Die Radiotelegraphie der k.u.k. Kriegsmarine“, Wien: Verlag Österreich, 2000
[3] Anderle, Franz - „Lehrbuch der Drahtlosen Telegraphie und Telephonie. Allgemein verständlich und mit besonderer Berücksichtigung der Praxis“, Leipzig und Wien: Verlag Franz Deuticke, 1. Aufl. 1911, 2. Aufl. 1912, 3. Aufl. 1913, 4. Aufl. ??, 5. Aufl. 1921
[4] Die wichtigsten Anlagen des Heeres befanden sich in Sarajewo, Trient, Przemysl, Trebinje und Riva
[5] Ausführlich in: Pethö, Albert - „Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg.“, Graz: Styria.
[6] Als 1921-23 die Österreichische Marconi-Gesellschaft, später Radio Austria, die Stationen Laaerberg und Deutsch-Altenburg übernahm, wurden alle Anlagen „zum Schrottwert“ abgebaut
[7] Mehr zur Geschichte des ÖVSV: qsp, Organ des ÖVSV, April 2001
[8] Die Lösung dieser Bindung erfolgt 1933 nach dem Machtantritt der NSDAP
[9[ Anderle, Franz - „Radio-Kurzwellen und ihre Eigenschaften“, 1931
[10] Anderle, Franz - Ausgabe Nr. 3, „Radio- und Telegraphendienst für Wehrverbände und Jugendgruppen“



<< zurück | < zur Übersicht



QSL Collection - Dokumentationsarchiv Funk

Das Dokumentationsarchiv Funk nutzt libreja.de

Bibliothekssoftware

Das Dokumentationsarchiv Funk nutzt libreja.de