Amateurfunk in Deutschland


(21) Amateurfunk im Ruhrgebiet nach 1945

(21) Amateurfunk im Ruhrgebiet nach 1945zoom1947: Neubeginn mit Hindernissen
Als mit Urkunde vom 21. Mai 1947 in der britischen Zonen Amateurradio-Klubs für den Kurzwellenempfang zugelassen wurden, machten viele Kopien dieser Urkunde die Runde und bewirkten unmittelbar die Gründung mehrer Distrikte und Ortsverbände. Auch an der Ruhr wurde man binnen Wochenfrist aktiv: Hermann Ferring DL1JT und Willi Stumpf DL1JS (4) luden für Sonntag, dem 1. Juni 1947, nach Oberhausen zur Gründungsversammlung des DARC-Ruhrdistrikts ein.
Heinz-Günther Happel DL1OM (5) aus Oberhausen war von 1947 bis 1954 der 1. Schriftführer (und zugleich QSL-Vermittler). Er erinnert sich:
"Die Gründungsversammlung fand … in der Gaststätte ‚Zur Baubörse' in Oberhausen, Moltkestraße 141, statt. Anwesend waren 22 namentlich erfasste Personen und noch einige andere. In den Vorstand wurden gewählt als Vorsitzender Hermann Ferring, als sein Stellvertreter Willi Stumpf (6) und als Technischer Referent Karl Wieggrebe (7). Im Ruhrdistrikt bestanden anfangs die Ortsverbände Duisburg, Düsseldorf, Essen, Langenberg, Oberhausen und Recklinghausen. Bis Ende 1947 kamen hinzu: Bottrop, Hilden, Geldern, Homberg, Krefeld, Mettmann, M.-Gladbach, Remscheid, Solingen, Viersen, Wesel und Wuppertal."
Schon eine Woche später (am 7. und 8. Juni) fand in Stuttgart die erste deutsche Nachkriegstagung statt, an der etwa fünfhundert Funkamateure aus ganz Deutschland teilnahmen. Die Fahrt mit der Eisenbahn durch drei Besatzungszonen war ein Abenteuer für sich. Von Essen bis Stuttgart dauerte sie 22 Stunden. Ernst Fendler: "Mit wertlosen Reichsmark in der Tasche, mit Übernachtung in der Jugendherberge und mit vielen anregenden - oft aufregenden - Gesprächen mit Funkfreunden über Vergangenheit und Zukunft kamen wir (über manche Hungergefühle hinweg) glücklich zu einem besonderen Erlebnis jener Zeit."
In Stuttgart wurde der neu gegründete Ruhrdistrikt, vertreten durch Hermann und Willi, in den DARC/BZ aufgenommen.

Hermann Ferring und Willi Stumpf
Hermann Ferring war Berufssoldat, kam aber nicht an der Front, sondern diente in einem Ostseehafen als Ausbilder an einer U-Boot-Schule. Nach 1945 betrieb er in Oberhausen eine kleine Radioreparaturwerkstatt und hielt seine Familie damit über Wasser. 1956 machte er in Oldenburg die Meisterprüfung. In späteren Jahren trat Hermann als ehemaliger Marinefunker mit der niedrigen Mitgliedsnummer 13 der MF-Runde bei.
Willi Stumpf wohnte auf der Alleestraße 74 in einem größeren Altbau. Von seinem Vater hatte er einen Fleisch- und Wurstwarengroßhandel geerbt. Wann und warum er Oberhausen verließ, ist nicht bekannt. Wie so oft bei unseren Recherchen verliert sich plötzlich eine Spur, was auch daran liegen mag, dass er zwar zur Lizenzprüfung antrat, von seinem Rufzeichen aber nie Gebrauch machte. Er starb am 21.08.1971 im Alter von nur 52 Jahren in Bottrop / Ruhrgebiet.

Die Zusammenarbeit wird forciert
Im Herbst 1947 fand eine Kuratoriumssitzung des DARC/BZ in Detmold statt. Vertreten waren die Distrikte Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordsee, Bremen, Westfalen, Köln-Aachen und Ruhrgebiet. Die wichtigsten Tagesordnungspunkte waren die Aufstellung einer Satzung für den DARC/BZ und das Problem der Information der Mitglieder. Wolfram Körner DL1CU musste die erst kürzlich als Organ des WBRC gegründete QRV (vorübergehend) einstellen. Als Notbehelf wurden Mitteilungsblätter herausgebracht8 . Für das Ruhrgebiet erschienen zwischen August 1947 und Januar 1948 sechs Ausgaben, bis der Carl-Lange-Verlag (General-Anzeiger) in Oberhausen die neue CQ produzierte, wenn auch nur im Zeitungsrotationsdruck. 1948/49 wurden sechs Hefte produziert.
DL1OM: "Die Ortsverbände in den Klein- und Mittelstädten wie Viersen, Hilden und Marl hatten die höchsten Mitgliedszahlen. Ganz eklatant war die Situation in den Großstädten Düsseldorf, Duisburg und Essen: Kein OV hatte mehr als zehn Mitglieder. Die einzige Ausnahme war Wuppertal mit etwa hundert Mitgliedern. Zur dritten Distriktsversammlung am 6. Dezember 1947 im ‚Bürgerkrug' in Oberhausen wurden auch die OV von den westlichen Städten Westfalens eingeladen, u.a. Bochum, Dortmund, Hamm und Hagen. Man wollte die Frage erörtern, ob es zweckmäßig sei, sie mit dem Ruhrdistrikt zu vereinigen. Nach einer sachlichen Diskussion kam man zur Einsicht, dass es besser sei, alles so zu belassen, wie es war. Nur die OVs Bocholt, Bottrop und Marl-Recklinghausen verblieben vorerst beim Ruhrdistrikt."

Ob legal, ob illegal: gesendet wird auf jeden Fall
Der Kampf um die Sendelizenz verlief im Ruhrdistrikt nicht anders als überall in Deutschland: Erst meldeten sich die illegalen bzw. stillschweigend geduldeten DA-Stationen. Für Nordrhein-Westfalen wurde von der Postbox 585 in Stuttgart (OM Körner DL1CU/SAC Samstag Abend Club) der Kenner DA4 ausgegeben und über DA4JC/DL1OM zugeteilt. Der erste Buchstabe im Suffix bezeichnete den ungefähren Standort bzw. den OV. - Hermann Ferring DA4CA/DL1JT (9) notierte:
"DA4CA, Spitzname Köbes, wurde am 1. Februar 1948 als Nr. 54 in den SAC aufgenommen. Laut Logbuch hatte seine Sendetätigkeit bereits am 24. November 1947 begonnen. Die Leitung des DARC/BZ sah in der Tätigkeit der DA-Funker eine Gefahr für die Lizenzerteilung und gab die Parole aus: ‚Nie kannst auf Lizenz zu hoffen, läßt du nicht die Taste offen.' Aus dem Log ist zu erkennen, dass die vom SAC empfohlene Funkstille vom 1. Januar 1949 bis 22. März eingehalten wurde."
Am 10. Mai 1948 griff die Deutsche Post durch und beschlagnahmte zehn Sender, darunter auch die Ruhr-Rundspruchstation DA4MM (Hans-Joachim Trappenberg DL1OW). Eine andere Rundspruchstation blieb verschont: D2BW, registriert auf C. W. Bais PA0CB. Er war Angehöriger der britischen Besatzungsmacht und stellte in großzügiger Weise gegen Vorlage der zu sendenden Texte sein Rufzeichen zur Verfügung, was für alle Beteiligten nicht ungefährlich war.

1948: Die ersten Lizenzprüfungen
Zitat Ernst Fendler, aus seinen Erinnerungen: "Anfang Januar 1948 folgte ich einer Einladung nach Frankfurt/Main, wo die Vertreter aller Radioclubs in Deutschland sich einfanden zur Interzonentagung. Treffpunkt war die Wohnung von H.G. Ballauff (10). Er hatte als politisch Geschädigter eine kleine Wohnung beziehen können, wo wir mit etwa 15 Personen bis in die Nacht hinein diskutierten, um gegen Morgen noch schlafend, wie die Sardinen in der Dose, zwei Stunden auf dem Teppich zu verbringen. Es ging um Fragen bezüglich Organisation, Zeitschrift und Lizenz. Alles im Geiste greifbar, jedoch praktisch weit entfernt. … Es ist erstaunlich, wie man in diesen Notzeiten durch Zufallsfunde, Schenkung, Tausch, Kauf aus Steg-Lagern und einfallsreichem Selbst- und Umbau allmählich zu einer Sende- und Empfangsstation kam."
Im August 1948 war es endlich so weit. In Düsseldorf erhielten elf, in Münster fünf Oldtimer eine Prüfungsbescheinigung. Bis zur Erteilung der Sendegenehmigung sollte es aber noch sieben Monate dauern, eine harte Geduldprobe für die DL1-Schar. Das Amateurfunkgesetz wurde erst am 14. Januar 1949 verabschiedet und mit 14. März 1949 in Kraft gesetzt. Druckmittel waren nicht zuletzt die legendäre "Backstein-Aktion": Zur Untermauerung des Gesetzes gingen gut verpackte Ziegelsteine an den Vorsitzenden des Wirtschaftsrates nach Frankfurt. Aber auch die DAs hielten sich nicht länger an die selbst auferlegte Funkstille - was nicht ohne Folgen blieb, wie Hermann Ferring am 9. Februar 1949 am eigenen Leib erfuhr:(11)
"Gepanzerte Fahrzeuge der Briten schirmten die Alstaderstraße 77 ab. Ich war im Hause. In einem Zimmer auf einem Küchentisch stand mein Lo 40k39. Die Antenne und die Junkers-Morsetaste waren nicht angeschlossen. Der Empfänger Radione R3 befand sich nicht im Raum. Ich wurde gut behandelt, was manchmal bei derartigen Aktionen Glückssache ist. Während ein Trupp Soldaten die Wohnung durchsuchte, nahmen mich zwei Briten beiseite und bedeuteten mir in Englisch: ‚You not keying'. Ich konnte kein Englisch, aber das hatte ich verstanden. Ich wurde vernommen und habe nicht zugegeben, gesendet zu haben. Die Sachen blieben in der Alleestraße 74 bei Willi Stumpf und standen unter Arrest mit deutscher Polizeibewachung. Am 3. Mai 1949, laut Schriftstück der Militärregierung, wurden die Sachen freigegeben."



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