Deutsche Amateurfunkgeschichte


(22) Amateurfunk in der französischen Zone nach 1945

Bild: Einladung zur Gründungsversammlung, 16./17. Juli 1949

27.07.10

(22) Amateurfunk in der französischen Zone nach 1945zoomFritz Schott wagt sich in die Höhle des Löwen

Dr.-Ing. Fritz Schott war einer der Gründer des Oberdeutschen Funkvereins OFV gewesen, war in Stuttgart u.a. als DE0041 und K4BB aktiv gewesen(1), wohnte seit 1933 in Baden-Baden, dem Standort des Hauptquartiers der Französischen Zone und beherrschte als gebürtiger Elsass-Lothringer perfekt die französische Sprache. Als leidenschaftlicher Amateur - und damit zwangsweise als Schwarzsender - hatte er unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten unliebsame Bekanntschaft mit einem SA-Rollkomando gemacht und sich daraufhin von der Funkerei zurückgezogen. Aber da sich die Zeiten ja angeblich geändert hatten, beschloss er nun, sich um die Legalisierung des Amateurfunks in der FZ zu bemühen. Ohne Rücksicht auf das Risiko meldete er sich beim Gouvernement Militaire als bekennender Funkamateur und bedrängte die Institution - und viele Persönlichkeiten bis hinauf zu Bundeskanzler Adenauer - unbeirrt mit schriftlichen Eingaben und immer neuen Vorsprachen. Zwar schaffte er damit nicht den erwünschten Durchbruch, aber immerhin bekamen seine Gesprächspartner Einblick in die Welt dieses seltsamen Menschenschlags, Basis für besseres Verständnis. Dem stand allerdings entgegen, dass die Hobbyfreunde wenig Geduld zeigten und immer offensiver funkten - der legendäre Samstag-Abend-Club (SAC) aus dem benachbarten Stuttgart hatte nach eigenen Angaben fünfhundert Mitglieder! Viele Funkfreunde der FZ schlossen sich zunächst als Höramateure dem SAC an und nahmen später die vorläufig noch "schwarzen" DA-Rufzeichen an(2). Die stille Duldung durch die Dienststellen war darauf zurückzuführen, dass innerhalb der Horchdienste der Besatzungsmacht viele französische OMs saßen. Man ließ den funkenden Freunden auf geeignetem Weg mitteilen, dass zur genauen Unterscheidung der Kenner DK9 erwünscht sei(3). Ausnahmen bestätigten die Regel:
Horst Wolfgang Schnautz, DE6619 (DL6EE, DL8PQ) wurde für längere Zeit in Haft genommen; bei Albert Ludin (DA1FA, DL6JN) fiel eine Hausdurchsuchung handgreiflich aus, wie Rudi Mangold HB9DU aus Basel empört der Redaktion der "QRV" meldete:
"Wurde da vor einiger Zeit ... ein Amateur wegen Schwarzsenderei ausgehoben. Der Betreffende gab ohne weiteres seine ‚Verfehlung' zu und fand sich auch ohne weiteres damit ab, daß ihm sein Sender und einige Senderbestandteile beschlagnahmt wurden. Er hätte auch eine Bestrafung hingenommen. ... Was aber das Empörende ist, war folgendes: Unter den Augen eines zufällig anwesenden Schweizers packten die Franzosen sämtliches Material dieses Amateurs ein. Dinge, welche nie zu Sendezwecken verwendet werden konnten, Materialien, welche ausgesprochen nur zu Meß- und Prüfzwecken dienten, wurden weggeschleppt und zum Teil zerstört. Dies ist aber nicht alles! Einige Tage später erschienen noch weitere französische Techniker und Polizisten, welche den Rest des Materials wegnahmen. Lautsprecher, Empfangsröhren, Rundfunkempfänger, Rundfunkbestandteile, Kathodenstrahlröhren, Werkzeug und dgl. Dinge verschwanden ohne Quittung. Wahrscheinlich auf Nummerwiedersehen! Dies sind Zustände, wie sie drei Jahre nach dem Krieg noch vorkommen! Die Handlungen jedoch sind eines Franzosen unwürdig."(4)
Erich Linsin DL6GB machte ähnliche Erfahrungen nach einer Hausdurchsuchung durch die Franzosen:
"Nachdem diese negativ für die Securité ausgegangen waren, wurde ich auf ihr Büro verfrachtet und - ein Revolver auf dem Tisch und ein Wolfshund vor den Füßen - vernommen. Zum Abschied wurden mir Abdrücke aller zehn Finger genommen , dann durfte ich nachts zu Fuß wieder nach Hause pilgern und wußte nun, daß ich in der Schule nicht umsonst Französisch gelernt hatte."(5)
Am 14. März 1949 wurde in der Bi-Zone (der Briten und Amerikaner) durch den Präsidenten des Wirtschaftsrates, Dr. Erich Köhler, das "Gesetz über den Amateurfunk" erlassen. Jetzt gab es für die dritte westliche Besatzungsmacht keinen Vorwand mehr. Vom 8. Mai 1949 an durften auch in der FZ Vereine für Funkamateure gegründet werden. Man stellte allerdings Bedingungen:
1. Jedes der drei Länder gründet einen Club. Die Satzungen dürfen die gleichen sein. Die Clubs sind vollkommen unabhängig und dürfen ihrerseits nicht zusammengelegt werden.
2. Die Genehmigungsanträge sind von den jeweiligen Clubvorständen an die Militärregierung ihres Landes zu richten.
3. Das Senden ist nicht gestattet, ebenso Bau oder Besitz von Sendern oder Einzelteilen davon.
Demzufolge wurden in der französischen Zone drei Clubs zugelassen, die gleichzeitig die Dachorganisation von Ortsvereinen darstellten. Es waren dies:
DARC/FZBaden, mit Sitz in Konstanz
DARC/FZWürttemberg-Hohenzollern: Sitz Tuttlingen
DARC/FZRheinland-Pfalz: Sitz Idar-Oberstein

Der Weg ist frei

Den Anfang machte gleich am Wochenende 7./8. Mai der Landesverband Rheinland-Pfalz mit einer Versammlung im "Gasthaus zum Mühlentor" in Kreuznach mit dem 1. Vorsitzenden Hans Falz DL6DP (DK9VQ, DA3VO). Er verfügte über einige Erfahrung, denn auf sein Betreiben hin hatte die regionale Militärregierung schon am 5. September 1947 die Gründung eines DARC/Rheinland-Pfalz genehmigt, dann allerdings gleich wieder widerrufen. "Dabei waren auch unsere französischen Freunde DL5AD und DL5AL. DL5AD, auch F9GP, Pierre Gilles, Chef des Transmission du Zone Nord, ließ es sich nicht nehmen, in einer Ansprache den Funkamateuren viel Glück und baldige Lizenzierung zu wünschen. Eine von ihm gestiftete Riesenkiste bester Zigarren ließ alsbald die gesamte Versammlung in blauen Dunst verschwinden. Mit von der Partie waren außer vielen OMs aus Bad Kreuznach und Umgebung die Herausgeber des Radio-Magazins QRV Kurt Schips, DL1DA und Wolfram Körner, DL1CU. Gefeiert wurde bis spät in die Nacht."(8) Die Genehmigung beschafft und die Veranstaltung ausgerichtet hatte Rudi Brumm, DE8801, DK9AZ, DL6EQ, der zum gleichen Zeitpunkt auch den Ortsverband Bad Kreuznach gründete.
Es folgte am 12. Juni in Tuttlingen der Landesverband Württemberg-Hohenzollern mit dem 1. Vorsitzenden Willhelm Maier DL6ET.
Für den Bereich Südbaden übernahm Erich Linsin DL6GB (DK9KK) aus Konstanz, ein ex-DASD-Mitglied (D4TAO, D4TAT) den Auftrag, den DARC Distrikt Baden/Französische Zone aufzubauen. Die Gründungsversammlung fand am 16./17. Juli 1949 in Konstanz-Allmannsdorf im Gasthof "Adler" statt. Zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde Erich Linsin(6), zum Geschäftsführer Walter Probst DL6GF, auch er ein ex-DASD-Mann (DE7138).
Behördlich anerkannte Funkamateure ohne behördlich anerkannte Lizenz - eine solche Konstellation musste zu Turbulenzen führen:
"Unser unermüdlicher OM Dr. Schott hat mit einer wahren Engelsgeduld weiterverhandelt - OM Linsin war für kurze Zeit zurückgetreten und drohte, den Verein aufzulösen, er hat damit einen ‚Felsklotz' ins Rollen gebracht - Capitaine Metz von Waldkirch hat sich unserer Sache angenommen - die Regierung in Freiburg hat dem Amateur-Gesetz (Fassung Bizone) zugestimmt, die Oberpostdirektion Freiburg hat bereits 10 Lizenzanträge vorliegen, die Beamten zur Prüfungsabnahme sind bereits bestimmt - die DE-Nummern, 150 an der Zahl, sind endlich (nach 12 Wochen!) vom DARC zugeteilt. … Unser Club steht nun auf festen Füßen und es wird an der Zeit, Ortsverbände zu gründen."(7)
Die erste Distrikts-Hauptversammlung nach der Gründung fand am 3. Dezember 1949 in Freiburg statt. Es wurde ein neuer Distriktsvorstand gewählt: Adolf Brender DJ6JP und Alfred Trüb DL6IT. Der wichtigste Beschluss war, zum Jahreswechsel den Distrikt in den Gesamt-DARC in Kiel zu überführen. Der Distrikt zählte vierzig Mitglieder (drei Monate später waren es knapp siebzig).

Mai 1950: Die ersten Lizenzen

"Erst am 18. Februar 1950 wurden bei der OPD Koblenz die ersten Prüfungen abgehalten. Bestanden hatten alle Teilnehmer, wobei das Hören ohne das gewohnte QRM auf den Bändern wie eine Wohltat erschien. Den Prüfungsteil Geben mussten wir auf einem Tintenstreifendrucker ablegen, was eine sichere Kontrolle der Qualität unserer Zeichen zuließ. Im Test der französischen Zone hatten vor uns bereits am 27.1.1950 in Idar-Oberstein (OPD Trier) und am 4.2.1950 bei der OPD Neustadt Lizenzprüfungen stattgefunden."(8) Am 23. Mai 1950 wurde Erich Linsin zur Mittagsstunde von der Oberpostdirektion Freiburg telefonisch in Kenntnis gesetzt, dass das Amateurfunkgesetz vom 14. März 1949 ab sofort auch in der französischen Zone in Kraft gesetzt worden sei. Auf Grund des Bundesgesetzblattes Nr.21 vom 19. Mai 1950, mit Zustimmung der Länder vom 12. Mai 1949, und des §127 des Grundgesetzes wurden mit Datum der Veröffentlichung (das war bereits der 20. Mai gewesen) die ersten 19 Lizenzen erteilt. Genau genommen waren es 21: Niko Fast DL1EF und Gerhard Schlinke DL3FV hatten ihre Lizenzen bereits zuvor von anderen Oberpostdirektionen erhalten, durften aber erst ab jetzt funken. Günter Heinzen , DL6EN, erinnert sich: "Dank der bereits durchgeführten Lizenzprüfungen konnten sofort 62 DL 6-Rufzeichen - die man aus dem DL 6-Block für die französische Zone reserviert hatte - ausgegeben werden. In Bad Kreuznach kam es allerdings noch zu einer Verzögerung. Nachdem wir als DK 9 unsere Freunde als DL 6-Stationen hörten, wurde sofort beim hiesigen Postamt rückgefragt. Antwort des zuständigen Beamten: 'Ja - da ist was gekommen - wir wissen aber damit nichts anzufangen.'"(8)

Zusammenschluss oder getrennte Wege?

Bei der nächsten Distriktsversammlung, am 27./28. April 1952 in Offenburg, ging es um eine heikle Frage: Sollten sich die Distrikte Nord- und Südbaden zusammenschließen? Dann entstünde ein Distrikt, der etwa das gleiche Größenverhältnis hatte wie der von Nord- und Südwürrtemberg mit Hohenzollern. Die Prüfungen könnte man in Freiburg ebenso wie in Karlsruhe abnehmen, denn beide OPDs folgten den selben Richtlinien. Die Alternative wäre gewesen, in den Grenzen des neuen "Südweststaates", dem Bundesland Baden-Württemberg, einen Gesamtdistrikt einzurichten, der dann allerdings den Bereich von vier OPDs überdecken würde. Die Entscheidung wurde zunächst auf die Distriktsversammlung von Württemberg-Baden am 4. Mai 1952 in Karlsruhe vertagt, dort heftig diskutiert und zur Wahl ausgeschrieben.
Am 29. November 1952 traf man einander schließlich in Karlsruhe, im Gasthof "Zum Salmen". 68 Prozent der abgegebenen Stimmen waren für die Teilung des Südwestraumes in zwei Distrikte abgegeben worden.
Mit Jahresbeginn 1953 trat gemäß der Abstimmung bei den vorangegangenen Hauptversammlungen der Distrikte Baden/FZ und Baden/WB der Beschluss in Kraft, den neuen Distrikt Baden des DARC so zu gliedern, dass er die Bereiche der OPD Freiburg und Karlsruhe umfasste, also den südlichen und nördlichen Teil des ehemaligen Landes Baden von Wertheim bis Konstanz umfasste. Die Mitgliederzahl des DARC/WB betrug 334 Mitglieder, von denen 148 in den neuen, badischen Landesteil wechselten und sich den ca. 130 Mitgliedern des Bereiches FZ anschlossen. Die erste Jahrestagung nach der Gründung des Distrikts Baden fand am 3./4. April 1954 in Offenburg statt.



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