Amateurfunk in Deutschland


(17) Die Jenaer Tagung 1951

von Christian Senne

(17) Die Jenaer Tagung 1951zoomDie Vorträge und Wortmeldungen der Tagung spiegelten die Situation der Funkamateure in der frühen DDR wieder. Nach Begrüßungsworten wurden die anwesenden Amateure vermutlich durch die Rede von Dr. Heinze, RFT-Funkwerk Leipzig, ernüchtert. Der Bedeutung des Ortes für die Amateurfunkgeschichte bewusst, fand in Jena doch schon 1925 eine Gründungsveranstaltung eines Verbandes statt, erläuterte Heinze die Unterschiede zur Situation in der Weimarer Republik. Die "freie Wirtschaft" habe ein "Erbe" hinterlassen, "wie wir es schlimmer nicht übernehmen konnten". Deshalb sei eine Anknüpfung nicht ohne weiteres möglich, sondern es gelte "etwas neues aufzubauen". Die politische Lage sehe nun mal durch das Kontrollratsgesetz eine starke Beschränkung des Nachrichtenwesens vor, trotzdem plädiere er, Heinze, für eine Eingliederung an die KdT. Heinze forderte dann indirekt eine Loslösung vom bisherigen Amateurfunkwesen, indem er eine politische Betrachtungsweise und Abkehr vom bisher seiner Meinung nach zu starken "sportlichen" Charakter forderte. Bedingt sei dies durch "den neuen Weg", der in der DDR gegangen werde und der auf ganz Deutschland ausgeweitet werden sollte. Es folgte eine Aufzählung der Schwerpunkte des Fünfjahresplanes, in dem "die Verwendung von Kurzwellen eine untergeordnete Rolle" spiele und dass "eine Möglichkeit, das was früher Gesetz war, nämlich eine Sendelizenz zu erwerben, heute noch ausgeschlossen ist." Begründet wurde die Absage mit den Amateuren aus ihrer deutschen Geschichte hinlänglich bekannten Argumenten aus sicherheitspolitischen Bedenken und der Angst vor Missbrauch.
Trotzdem zählte Heinze dann einige Möglichkeiten zur Betätigung innerhalb einer Gruppe auf, die dann an die KdT angegliedert sein müsste. Eine solche Gruppe könne sich beispielsweise der neuen UKW-Technik zuwenden und Empfangsbeobachtungen anstellen, da es nicht nur um Kurzwellen alleine gehen könne. "Spielerei" sei aber nicht erwünscht. Zweitens ergebe sich durch die Amateurfunkbewegung die Möglichkeit,

"die Verbindung mit dem Ausland zu erhalten und dadurch gewisse Verbindungen anzuknüpfen und durch diese Verbindungen viele Unklarheiten, die über unser Leben in der DDR noch in den Kreisen Westdeutschlands bestehen zu beseitigen. Das ist eine Aufgabe, deren Bedeutung man heute nicht unterschätzen sollte. Ich glaube, daß bei richtiger Argumentation und bei richtiger Durchführung, über die man sich noch unterhalten müßte, man sich über diesen Punkt durchaus unterhalten kann und daß er in dieser Weise ein wichtiges Argument ist, um die Bestrebungen und den Kampf zu forcieren und Ihnen Anschlußmöglichkeit im Rahmen der KdT zu gestatten."(4)
Bevor es zu einer Diskussion kam, erinnerte H. J. Gräfe auf der Tagung an die bisherigen technischen Leistungen, die von Funkamateuren mitgestaltet wurden, sowie auf das daraus zu schließende Potential, welches zu einer Erhöhung des "Bildungsniveaus der technischen Intelligenz" beitrage.

Geteilte Meinungen über ein gemeinsames Ziel

In der Diskussion der beiden folgenden Tage taten sich drei Lager auf: Recht einsam Heinze, der zwar als Vertreter des RFT-Leipzig im Protokoll auftaucht, aber auch politische Funktionen bekleidet haben muss, wie sich im Laufe der Diskussion zeigte. Dann die Vertreter der Deutschen Post (unter ihnen Fußnegger), die sich für die Belange der Funkamateure einsetzten, und schließlich als dritte Gruppe die zahlreichen Amateure aus der gesamten DDR, welche hauptsächlich eine Legalisierung erreichen wollten.
Fußnegger (nicht expliziert in seiner Funktion beschrieben) nahm Heinzes Rede bezüglich des Fünf -Jahres-Plans auf und stellte die Vorzüge der Funkamateure dar, indem er weniger für eine Betonung der "Spitzenleistungen" der Funkamateure sich aussprach, sondern "auch die Kollektivleistung anerkennen" sollte. Es fehlten in der Volkswirtschaft über all Fachkräfte für Hochfrequenztechnik, insbesondere bei Schiffsfunk und Radargeräten. Eine Regelung sei schon deswegen wichtig, so betonte Fußnegger, da eine lockere Form staatspolitisch "eine ungeheure Gefahr" in sich berge. Damit blieb Fußnegger seiner Linie treu, die sich schon in seinen vorherigen offiziellen Eingaben abzeichnete, in denen er die Problematik des illegalen Amateurfunkwesens thematisierte und auf die Einflussnahme des Westens hinwies. Auch in den anderen "Volksdemokratien" seien Amateurfunkregelungen getroffen worden. Die Auffassung von Heinze wurde auch in der weiteren Diskussion als zu "pessimistisch" bezeichnet, und weitere Wortmeldungen unterstrichen den Willen zur Legalisierung durch Forderung nach einer Lizenzregelung: Nur eine Organisierung "vereitle Unfug". Das Argument, man solle auf die anderen "Volksdemokratien" schauen, fiel noch häufiger, man könne ja noch nicht mal antworten, wenn aus diesen Ländern Anrufe über Funk kämen. Ein Vertreter der Oberpostdirektion Erfurt nannte das Kontrollratsgesetz als das Hauptproblem, was die Post hindere, Genehmigungen zu erteilen. Die DDR halte sich eben im Gegensatz zum Westen an diese Abmachung des Potsdamer Abkommen. Aber auch die Post benötige dringend ausgebildetes Personal.
Laut Protokoll schienen die Argumente der Funkamateure und der Post eindeutig zu sein, Heinze muss aber eine starke Position gehabt haben, wie sich aber nach seiner weiteren Wortmeldung erahnen lässt:

"Es soll die Aufgabe dieser Versammlung sein, den Weg ungefähr zu umreißen, um ihre Wünsche an die zuständigen Stellen heranzutragen. … Nicht nur mit Wollen kommt man vorwärts, sondern wir wollen wissen, wie auf bestem auf legalem Wege. Bestätigt haben es die Ausführungen von Koll. Hollmach. Die Amateurfunkbewegung ist schon einmal ins Leben gerufen worden. Das Ergebnis dieser Bewegung war prakt. Null. Die Art und Weise, wie man das Thema angefaßt hat, ist falsch gewesen. Man hat nicht die richtigen Argumente gebracht, um durchschlagenden Erfolg zu haben. Wir sind zusammen, um zu diskutieren, welche Argumente liegen vor. Ich weiß zu schätzen, welch ideologischer Wert in der Amateurbewegung steckt. Auch die KdT hindert nicht. Es wäre leicht gewesen, nach diesem etwas schiefen Start die Tagung zu unterbinden. Es ist scharf diskutiert worden, ob diese Tagung abgehalten werden sollte."(4)

Vermutlich spielte Heinze auf die Versuche an, einen "DARC-Thüringen" im Vorfeld zu gründen.
Am Nachmittag wurde die Diskussion weitergeführt. Dabei kristallisierte sich heraus, dass man die KdT weiter als Ansprechpartner für eine mögliche Lösung auf dem Wege zu einer Genehmigung sah, trotz der vielen Rückschläge der Vergangenheit. Am Abend kam schließlich moralische Unterstützung aus Moskau. Der sowjetische zentrale Radio-Club Moskau sendete nach Jena ein unterstützendes Telegramm. An Walter Ulbricht sandte die Jenaer Versammlung auch ein Telegramm, in dem man die Unterstützung ausgerechnet "im Kampf gegen die Remilitarisierung Deutschlands und für den Abschluss eines Friedensvertrages noch im Jahr 1951" bekundete.
Ende 1951 befasste sich die Zentralkammer der KdT in Berlin nochmals mit der Problematik, wie ein Brief an die Betriebssektion der KdT bei "Carl Zeiss" bestätigt, jedoch wohl ohne weitere Ergebnisse, denn über ein Jahr sollte sich in der Sache nichts tun, bevor die Funkamateure plötzlich ein Betätigungsmöglichkeit innerhalb einer neugegründeten Massenorganisation bekamen: Der Gesellschaft für Sport und Technik, die einen Beitrag zur Militarisierung der DDR-Gesellschaft liefern sollte.



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