Deutsche Amateurfunkgeschichte


(16) Der Amateurfunk der SBZ/DDR in einer Grauzone

von Christian Senne

(16) Der Amateurfunk der SBZ/DDR in einer GrauzonezoomDie Situation in der SBZ

In der SBZ war die Situation ungleich schwieriger, da die neuen Machthaber dem Amateurfunk kritisch gegenüber standen und auch an ihre Militärangehörigen keine Genehmigungen herausgaben. Seit 1947 gab es hier lose Interessenverbände, wobei sich Ende 1947 ein erster Radioklub in Brandenburg gründete, der zuvor durch die SMAD in Karlshorst von Major Mulin genehmigt worden sein soll. (3) Inwieweit dies ein unabhängiger Verband, wenn auch auf lokaler Ebene war, muss leider offen bleiben, da bisher keine Dokumente dieser Zeit aufgetaucht sind. An Amateurfunk war jedoch nicht zu denken, vielmehr war Konspiration wichtig, wollte man trotz Verbots seiner Leidenschaft nachgehen. Das vermutlich frühste noch nachweisbare Dokument ist auf den 7. Mai 1948 datiert. Zwei Amateure bekundeten in einer Unterredung mit einem örtlichen Vertreter des Kulturbundes die Absicht, "einen Radioamateurklub für die sowjetische Zone und den sowjetischen Sektor von Berlin zu gründen", wie der vermutlich für die Region zuständige Funktionär des Kulturbundes, Reichwald, in einem Brief an den Bundessekretär Heinz Willmann schrieb.

"Da es im sowjetischen Sektor eine ganze Reihe von Radioamateuren gibt, diese aber völlig ohne Kontrolle und ohne Anleitung arbeiten, was eine gewisse Gefahr bedeutet, ergibt sich die Notwendigkeit, für diese einen gewissen organisatorischen Rahmen zu finden. Diese beiden Herren haben bisher vergeblich versucht, jemanden zu finden, der ihre Sache unterstützt. Ihr Wunsch war, im Rahmen des Kulturbundes als Radioamateurklub lizensiert zu werden."(4)
Die Antwort Willmanns vom 19. Mai 1948 war kurz und ablehnend, da die Aufnahme eine Radioklubs im Rahmen des Kulturbundes "vollkommen aus dem Aufgabenbereich" der Organisation falle. (5)
Bei den "beiden Herren" handelte es sich um Werner Schütze und Edgar Krause, die es natürlich nicht bei der reinen Suche nach einer offiziellen Betätigungsform beließen, sondern selber im Äther aufzufinden waren. Krause war einer der Schlüsselpersonen im Ostsektor der Stadt und unter den Rufzeichen DA 7 RA und DK 7 RA als "Peter near Berlin" am Funken, durchaus auch bekannt bei der damaligen Deutschen Wirtschaftskommission für die sowjetische Besatzungszone (DWK) - Hauptverwaltung Post- und Fernmeldewesen (HVPF), mit deren Abteilungsleiter für das Gebiet Funk, Friedrich Wilhelm Fußnegger, er angeblich eng befreundet war. (6)
Diese "Freundschaft" beschreibt die paradoxe Situation und unterstreicht die Grauzone, in der sich die Amateure befanden. So ist es nämlich Fußnegger, der in einer handschriftlichen Aktennotiz vom 24. August 1948 einen "Bericht betr. Schwarzsender" verfasste und darin auch DK 7 RA als Rufzeichen, sowie Bestrafungen ausgehobener Schwarzsender erwähnte.

"[…] Auch in der Zone ist eine größere Anzahl Amateure aktiv. Über deren Tätigkeit ist nur indirekt etwas festzustellen da Berlin für diese Stationen meist in der toten Zone liegt. Aus den Rufen ausländischer und westdeutscher Stationen und den Rufzeichen kann man etwa entnehmen dass trotz der Verhaftungen noch etwa 30-50 Stationen arbeiten. Nach den Angaben der Leitung des DARC [gemeint ist vermutlich der DARC/BZ] sind bisher in der Ostzone mindestens 20 Personen verhaftet worden und haben hohe Freiheitsstrafen erhalten."(7)

1948 waren in der SBZ also rege Aktivitäten zu verzeichnen. Die Reaktion der SMAD gegenüber Anfragen zu Clubgründungen war recht ambivalent. Was kurz zuvor noch lokal erlaubt wurde, erfuhr jetzt Absagen bis zur Ablehnung und Verfolgung. Eine Gruppe von Funkamateuren aus Sachsen stellte den Antrag, einen DARC/Ostzone gründen zu wollen und bekam eine Absage. Im Mai 1948 wurde der Antrag nach einem DARC-Thüringen nicht nur abgelehnt, sondern es erfolgten auch Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Fußnegger nahm vermutlich hierauf Bezug. Mit den Rufzeichenpräfixen DA und DK, die schon vor 1949 parallel genutzt wurden, hielten sich die meisten Ostdeutschen Illegalen an den gemeinsamen Rahmen aller deutschen Funkamateure. (8) Auch verlegte sich die SMAD kurzfristig darauf, selber im Bereich der Funkamateure tätig zu werden und via eine Station in Ost-Berlin Propaganda zu senden. (9)

1949: Amateurfunkgesetz - aber nicht für die SBZ

Die Bemühungen der ostdeutschen Amateure, einen Platz im sich neu aufbauenden Staatsgefüge der SBZ zu finden, wurden verstärkt fortgesetzt, als für die Westzonen am 19. 1. 1949 ein Amateurfunkgesetz durch den Wirtschaftsrat verabschiedet wurde. Schon kurz darauf erfolgte eine großzügige Lizenzierung der Funkamateure und beschleunigte den Zusammenschluss der regionalen Verbände zum Dachverband DARC. (10)
In der SBZ hingegen blieben Bemühungen auf regionaler Ebene stecken. Eine weitere Initiative versuchte einen Anlauf, sich innerhalb der zuvor beschriebenen DWK als zentrale Verwaltungsinstanz der SBZ zu organisieren. Die Arbeitsgemeinschaft Radiobastler Bautzen z.B. fand dort Unterschlupf, wurde aber im Januar 1949 dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zugeschlagen und auf örtliche Tätigkeit beschränkt. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft lehnten dies als Modell jedoch ab und versuchten direkt beim Präsidium der Deutschen Verwaltung des Inneren und der DWK-Berlin die Gründung eines "Amateur-Radio-Club Ostzone" zu erreichen, die dann auch dem "Zonenvorstand des FDGB Berlin" unterstellt sein könnte. Im zweiten Schritt wollte man sich dann auch schnellstens um Lizenzierung bemühen und stellte an die Empfänger des Rundbriefes der AG die rhetorische Frage, ob "in Europa die OZ das einzige Ländchen sein [sollte], in der es keine lis gibt?"
Seine Aktivitäten in der Arbeitsgemeinschaft um den Erwerb einer Sendegenehmigung brachten seinem Organisator Berneis schließlich mehrere Jahre Zwangsarbeit in der Wismut AG ein. (11) Zwischenzeitlich war es in anderen Regionen möglich, beim Kulturbund doch einen Unterschlupf zu finden, wenn auch nur auf lokaler Ebene. In Leipzig fand im Juni 1949 eine Arbeitsgemeinschaft Funk innerhalb der Körperschaft wenigstens zeitweise Unterschlupf. Einen Antrag auf Sendelizenzen über den Kulturbund zu erhalten verlief jedoch im Sande und schon im März 1950 wurden die Amateure wieder aus der Organisation herauskatapultiert. (12) Dabei hatte sich ab Mitte 1949 auch Fußnegger von der DWK-HVPF bei der SMAD für die "Wiedergenehmigung des Amateurfunks" eingesetzt, nachdem bei ihm zahlreiche Amateure entsprechende Anträge eingereicht hatten und in West-Berlin ab Juli 1949 Lizenzen ausgegeben wurden. Schon ein Monat vor der Wiederzulassung in Westdeutschland hielt Fußnegger im Juni 1949 die Möglichkeit für gegeben, dass Ost-Berliner Amateure durch den West-Magistrat, der sich als "Magistrat Groß-Berlins" betrachtete, lizenziert werden könnten. Eine solche Information sei ihm vom westdeutschen DARC gegeben worden. (13) Wiederum mit Bezug auf das inzwischen erlassene Amateurfunkgesetz in Westdeutschland "mit schon 730 ausgegebenen Genehmigungen" plädierte er im August 1949 direkt beim SMAD für eine Zulassung auch in der SBZ:

"Erfahrungsgemäß ist es zweckmässiger, den Amateurfunkdienst zu genehmigen und staatliche zu regeln, als den zahlreichen begeisterten Funkfreunden ein Betätigungsfeld zu verbieten, welches sie doch immer wieder zum Überschreiten des Verbotes verlockt." (14)

Dies war jedoch genauso ein erfolgloses Unterfangen, wie die zahlreichen privaten Initiativen. Nach Gründung der DDR im Oktober 1949 wollte Fußnegger die Kompetenzen für die inzwischen gegründete Hauptabteilung Fernmeldewesen beim Ministerium für Post- und Fernmeldewesen bezüglich eines zukünftigen Amateurfunks gewahrt wissen und kündigte gleichzeitig eine Wiedereinreichung seines früheren Antrages an. (15)
Dieser erfolgte im Dezember 1949 an das aus der Hauptverwaltung Information der DWK entstandene Amt für Information beim Ministerpräsidenten der DDR (AfI).
In der erneuten Antragsbegründung führte er an, die ehemals im Arbeiter-Rundfunk-Bund (ARB), im DASD und auch im DARC organisierten Amateure hätten sich erneut an ihn wegen Zulassung des Amateurfunks in der nun gegründeten DDR gewandt. Sein Hauptargument war allerdings anders gelagert:

"Ein ganz besonderer Grund gibt mir Veranlassung auf die Zweckmäßigkeit und die Zulassung eines Amateurfunkverbandes hinzuweisen: Die Überwachung des Äthers durch unsere postalischen Funküberwachungsstellen in der DDR kann niemals so gut durchgeführt werden, wie durch ein über das Territorium der Republik verteilt arbeitendes Amateurnetz. Die erteilten Lizenzen zwingen alle Lizenzträger unbedingte Funkdisziplin zu halten und alle Verstöße zur Meldung zu bringen, wenn sie nicht wegen Verstoß gegen die Funkverkehrsbestimmungen selbst ihre Genehmigungen verlieren wollen. … Weiter ist für den Fall einer Nichtzulassung von Amateurfunkverbänden vorauszusehen, daß Teile der funktechnischen begabten Bevölkerung in der DDR ungeachtet der gesetzlichen Folgen, sich unerlaubt aus Leidenschaft mit praktischen Senderversuchen befassen werden und damit unter den Begriff Schwarzsender fallen." (16)

In der Zwischenzeit sendeten viele Amateure auch ohne Genehmigung weiter. QSL-Karten wurden dabei über Westdeutschland ausgetauscht und via eine Adresse in West-Berlin. Veränderungen in Richtung Legalisierung waren trotzdem nicht zu erkennen.

Bild unten (zum Vergrößern anklicken) - Ein Dokument der besonderen Art: Die Dienstanweisung vom 20. Oktober 1950:
"Alle Funkamateure sind durch Ansetzen geheimer Mitarbeiter und Informatoren (sic) konspirativ zu erfassen und zu registrieren."

1951 schließlich gelang es einigen Funkamateuren aus Jena zum ersten Mal, eine Versammlung im größeren Rahmen für die DDR zu organisieren, um auf die Interessen der dortigen Funkamateure nochmals hinzuweisen.



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