Amateurfunk von den Spratly Islands


Ein gescheiterter Versuch - Die Spratly-Tragödie

April 1983

Ein gescheiterter Versuch - Die Spratly-TragödiezoomDie erste Salve lag noch zu kurz, aber schon bei der zweiten wurde der Skipper getroffen. Er warf sich auf den Boden und versuchte, obwohl er stark blutete, das Schiff auf Kurs zu halten. Auch Baldur wurde in den Arm getroffen, Norbert blutete ebenfalls aus einer Wunde. Gero stand auf 20m mit einer Station auf der Clark US Air Force Basis in Verbindung und meldete den Angriff - vermutlich durch vietnamesische Soldaten, die die Insel besetzt hielten. Unterdessen hatte ausgelaufenes Benzin aus den Tanks das Deck in Brand gesetzt. Hastig brachten sich alle unter Deck in Sicherheit - da fiel ihnen auf, dass Diethelm fehlte. Er war entweder erschossen worden oder über Bord gegangen. Trotz des anhaltenen Beschusses brach man wenig später durch eine Luke ins Freie, denn das Feuer drohte nun auch die Kabine zu erfassen. Wie durch ein Wunder fiel da das Beiboot ins Wasser; das war die letzte Rettung aus der Flammenhölle. Im Beiboot befanden sich zwar keine Ruder, doch war der Wind glücklicher Weise ablandig. Nun blieb nur noch die Hoffnung, dass der letzte SOS-Ruf eine Suchaktion der US Luftwaffe auslösen werde, denn die Lage war verzweifelt: Es gab nur einen kleinen Trinkwasservorrat, keinen Proviant, alle waren bloß mit einer Badehose bekleidet, ohne Schuhe; nur Baldur trug ein Hemd. Wie sich zeigte, was auch das Beiboot getroffen worden, doch das Leck ließ sich behelfsmäßig mit einem Lappen stopfen. In den folgenden Tagen gelang es hin und wieder, mit einem Körbchen einige kleine Fische zu fangen; dann kratzte man den Algenbewuchs von der Bordwand ab. Am achten Tag ertrug Gero den Durst nicht länger. Er trank Seewasser. Am anderen Morgen war er tot. Da die Spratly-Gruppe großteils aus winzigen Inseln, Riffen, Sandbänken und Untiefen besteht, blieb nur der Hoffnungsschimmer, dass das Boot näher zu den dicht befahrenen Schiffahrtsrtouten driftete und so entdeckt würde. In ihrem verzweifelten Zustand klammerten sich die Schiffbrüchigen an eine vage Hoffnung: Baldur hatte in der zweiten Nacht vermeint, aus dem Nebeldunst eine Stimme zu hören, die verkündete: "Am zehnten Tag werdet ihr gerettet." - Und tatsächlich wurde das Boot am zehnten Tag, dem 19. April, von einem japanischen Frachter, der "Linden" unter Kapitän Inose, entdeckt. Auf die Erstversorgung an Bord folgte eine gründliche Behandlung in Hongkong, ehe Baldur und Norbert die Heimreise nach Deutschland antraten.

Die DDR nützt im kalten Krieg die Spratly-Tragödie für Propagandazwecke
Die Presse berichtete, insbesonders in Deutschland, ausführlich über das Ereignis (siehe unsere Textauswahl) - der Stern etwa brachte in der Ausgabe vom 5. Mai 1983 eine zehnseitige Bildstrecke -, auch der Hörfunk und das Fernsehen sendeten Interviews. Diesen Medienrummel nützten einige Hardliner in der DDR für einen propagandistischen Seitenhieb. Zum einen sollte nach innen „bewiesen“ werden, dass der Amateurfunk in der Bundesrepublik operativer Teil der „ideologischen Kriegsführung“ sei, ein zentrales Thema vieler interner Rundschreiben und Anordnungen; zum anderen sollte ausgewählten Redaktionen und Dienststellen in sensiblen Behörden der Hinweis zugespielt werden, dass man sehr wohl Bescheid wisse über die Personalien im Bundesnachrichtendienst: Baldur Drobnica bezeichnete sich in allen öffentlichen Aussagen (so auch im Interview für den Bürgerfunk Köln) als „im organisatorischen Bereich des Innenministeriums tätig“. Ziel der Aktion war nun, Drobnicas „wahre“ Tätigkeit in der Sektion IV, Spionageabwehr, „aufzudecken“. In einer Sitzung des Zentralverbands der Gesellschaft für Sport und Technik, GST , zuständig für den Amateurfunk, wurde Kritik an der mangelnden ideologischen Schärfe in der redaktionellen Berichterstattung der Amateurfunkpresse geäußert und den dafür Verantwortlichen „nahe gelegt“, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung besser nachzukommen. Unmittelbar darauf erhielten die derart gerügten Funktionäre eine detaillierte thematische Auflistung mit zum Teil bereits vorformulierter Textfassung der gewünschten Inhalte. (Das Sitzungsprotokoll ist im SAPMO-Archiv einsehbar; ein weiteres Dokument unterliegt einer Sperrfrist.) Harry Radke, ein Mitarbeiter der Redaktion Funkamateur wurde beauftragt, die vorgebliche DXpedition als missglückten Spionage-Einsatz darzustellen, und er arbeitete die ihm unterbreitete Liste Punkt für Punkt in diesem Sinn auf. So entstand das Lesematerial für Funkamateure der GST / “Die Mär vom reinen Hobby. Amateurfunk in der imperialistischen Gegenoffensive gegen Entspannung, Sozialismus, Fortschritt. (Siehe Faksimile) Zur Verstärkung des konspirativen Charakters wurden die Exemplare einzeln nummeriert. - Der Plan ging offenbar auf. So schrieb etwa Der Spiegel in der Ausgabe vom 9. Mai 1983 unter dem Titel Männer vom Rhein: “Kann ein deutscher Verfassungsschützer zehn Tage lang ohne Wasser und Brot überleben? Im Südchinesischen Meer soll dieses Wunder gelungen sein…“ (Voller Wortlaut bei Spiegel ONLINE: linkext. Link ) - Nach der Wende war der Autor dieses üblen Machwerks wegen heftigen Vorwürfen ausgesetzt.



Download [6.9 MB]Die Spratly-Tragödie - Feature im KW-Panorama von Radio Österreich International, 10.04.1983 (24:00) [MP3 , 6.9 MB]
Download [5.0 MB]Baldur Drobnica, DJ6SI, im Bürgerfunk Köln (20:00) [MP3 , 5.0 MB]
Download [2.4 MB]Broschüre 'Die Mär vom reinen Hobby. Amateurfunk in der imperialistischen Gegenoffensive... [PDF , 2.4 MB]
Download [6.5 MB]Presseberichte (Auswahl) [PDF , 6.5 MB]
Download [3.1 MB]Bericht des DX Magazins über die Tragödie von Spratly (Englisch) [PDF , 3.1 MB]

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